Diese Schwestern begeistern Salzburg

Spannende und intensive Premiere der zeitgenössischen Oper von Péter Eötvös.
Salzburg Am Freitagabend wurde in der Salzburger Felsenreitschule eine Neuinszenierung von Péter Eötvös’ Oper „Drei Schwestern“ aufgeführt – ein Ereignis, das weit mehr war als die bloße Wiederaufnahme eines bedeutenden zeitgenössischen Werkes. Die Aufführung erwies sich als eindringliches psychologisches Porträt über Sehnsucht, Stillstand und unausweichliche Leere, das in eine musikalisch ebenso gewagte wie bewegende Interpretation eingebettet war.

Regisseur Evgeny Titov verlegte die Erinnerungssequenzen des Stücks in eine apokalyptisch anmutende Szenerie, die von einem zertrümmerten Eisenbahngleis und massiven Steinquadern dominiert wird. Feuer, Chaos und eine Atmosphäre beständiger, latenter Bedrohung visualisierten symbolisch die innere Zerrüttung, die Tschechows Figuren so prägend begleitet. Geschickt stellte Titov die universelle Bedeutung des Werkes in den Vordergrund: Die tiefe existenzielle Leere, die die Protagonisten lähmt, wurde hier nicht nur greifbar, sondern auch unmittelbar spürbar. Trotz Zerstörung und Stagnation gelingt es ihm, intime und bewegende Momente zu schaffen, die dank der exzellenten Sänger und Darsteller glaubwürdig und berührend wirken.

Ein besonderer Clou dieser Salzburger Inszenierung war die Entscheidung, die weiblichen Rollen mit jungen Countertenören zu besetzen. Der honduranische Sopranist Dennis Orellana überzeugte mit seiner sensiblen Darstellung der jüngsten Schwester Irina. Seine sanft geführte, elegant zurückhaltende Stimme verlieh der Rolle eine Zartheit und Verletzlichkeit, die tief unter die Haut ging. Cameron Shahbazi, der als Mascha eine leidenschaftlich expressive Interpretation lieferte, begeisterte mit emotionaler Intensität und einer stimmlichen Präsenz, die gerade in den Momenten tiefsten Schmerzes besonders eindrücklich wirkte. Aryeh Nussbaum Cohen verkörperte die älteste Schwester Olga, die mit resignierter Distanz bereits den Weg in die emotionale Apathie gefunden hat. Ihnen gegenüber sorgte Kangmin Justin Kim als Natascha für eine schillernde Bühnenpräsenz – ironisch, spielerisch und mit einer Bühnenenergie, die ihn als virtuosen Darsteller auszeichnete.

Musikalisch lebte die Produktion von Eötvös’ ungewöhnlicher Orchesteraufteilung: Maxime Pascal leitete das Klangforum Wien im Orchestergraben souverän, während Alphonse Cemin das zweite Orchester hinter der Bühne dirigierte. Durch diese räumliche Trennung entstand eine akustische Tiefenwirkung, die Eötvös’ musikalischer Sprache neue Dimensionen verlieh. Pascal und Cemin agierten fein abgestimmt, sensibel und gleichzeitig mutig. Dadurch gewannen die Wechselwirkungen zwischen Bühnenhandlung und musikalischer Untermalung an außergewöhnlicher Intensität und Dynamik.

Eötvös, dessen Oper „Drei Schwestern“ bereits 1998 als bedeutendes Werk des zeitgenössischen Musiktheaters uraufgeführt wurde, bewies auch in Salzburg die anhaltende Kraft seiner musikalischen Sprache. Die psychologische Fokussierung auf die existenziellen Entscheidungen und ihre letztendliche Ausweglosigkeit fand in Titovs Interpretation ein kongeniales visuelles Äquivalent. Der permanente Rückblick auf bereits Geschehenes und das Gefühl der unausweichlichen Wiederholung verliehen dem Stück eine zeitlose Dimension, die tief bewegte und zum Nachdenken anregte.

Der nachhaltige Erfolg der Produktion ist vor allem dem gelungenen Zusammenspiel von musikalischer Innovation und inszenatorischer Klarheit zu verdanken. Trotz des monumentalen und mitunter etwas plakativen Bühnenbilds gelang es Titov, die innere Zerbrechlichkeit der Figuren auf subtile Weise sichtbar zu machen. Die konsequente psychologische Ausdeutung der Figuren führte zu einem intensiven Theatererlebnis, welches durch die exzellente musikalische Interpretation des Klangforum Wien noch intensiviert wurde.

Die Aufführung von „Drei Schwestern“ in Salzburg überzeugte somit nicht nur als experimentelles Stück moderner Opernkunst, sondern auch als bewegendes und berührendes Psychogramm. Eindrucksvoll wurden darin universelle Themen wie Sehnsucht, Scheitern und Entwurzelung in Szene gesetzt. Ein Höhepunkt, der zu den starken Momenten der diesjährigen Festspielsaison gehört.
“Drei Schwestern” wird noch am 12., 21. und 24. August aufgeführt.