Raunacht im Museum

Kammermusikalische Mittagsmagie der „V.Töne“ im vorarlberg museum.
Bregenz Wer am Donnerstagmittag das Atrium des Vorarlberg Museums betrat, wurde nicht nur von den zarten Lichtspielen der Architektur empfangen, sondern auch von einem Konzert, das auf wunderbar leichtfüßige Weise Ernsthaftigkeit und Esprit, Experiment und Tradition verband. Das Bläserquintett V.Töne, bestehend aus fünf jungen Musikerinnen und Musikern aus Vorarlberg, bot ein Programm, das sowohl in seiner Dramaturgie als auch in der künstlerischen Umsetzung überzeugte.
Den Auftakt bildete Anton Reichas drittes Quintett aus Opus 91 – ein Werk, das als frühes Meisterstück der Gattung gilt und als klingende Utopie von Gleichberechtigung und Dialog verstanden werden kann. Das Ensemble kostete diesen Anspruch bis ins Detail aus. Der ruhige Beginn im Lento geriet zu einer fein gespannten Einleitung, in der sich ein subtiles Zusammenspiel von Farben und Atem ereignete. Im Allegro assai blühte das Ensemble auf. Es spielte virtuos, rhythmisch pointiert, mit bestechender Klarheit in der Artikulation und vor allem mit jener ansteckenden Spiellust, die Reichas Witz und Ironie gerecht wird.
Im Adagio gelang es V. Töne, den klassischen Schönklang mit Individualität zu paaren. Jede Stimme wurde hörbar gemacht: die Klarinette von Paul Moosbrugger, die expressive Oboe von Anna Eberle, das warme Hornspiel von Anton Doppelbauer, das fein gezeichnete Fagott von Johanna Bilgeri und die Flöte von Laura Moosbrugger. Das Menuett zeigte sich als tänzerisches Spiel mit Form und das Finale als launiger Kehraus.

Nach der Pause folgte ein Kontrast, der Wirkung hatte. Der englische Komponist Malcolm Arnold ist durch eine einzige Melodie weltberühmt geworden: durch den River Kwai-Marsch aus der Filmmusik zu „Die Brücke am Kwai“. Seine „Three Shanties” aus dem Jahr 1943 sind frech, brillant und voller Understatement – britischer Humor in musikalischer Gestalt. Was leicht und luftig klingt, ist hoch anspruchsvoll in der Gestaltung. V.Töne segelte mit Leichtigkeit durch diese skurrilen Miniaturen. Das Seemannslied „What shall we do with the drunken sailor“ wurde mit rhythmischem Biss und präzisem Ensembleklang zum Auftakt eines maritimen Kabinettsstücks. Besonders hervorzuheben ist das zweite Shanty „Boney was a Warrior“, dessen melancholische Schlichtheit die Musikerinnen und Musiker mit feinem Gespür für klangliche Transparenz und ironische Brechung gestalteten. Das Finale schließlich war ein überschäumendes Spiel mit klanglichen Überlagerungen, voller Temperament und Witz – famos musiziert.
Den Abschluss bildete Johanna Doderers „Rauhnacht“ – ein Werk, das atmosphärisch kaum tiefer hätte greifen können. Die Bregenzer Komponistin zählt zu den profiliertesten Komponistinnen Österreichs. Ihr umfangreiches Œuvre umfasst Opern, Orchesterwerke, Kammermusik sowie Filmmusik. Mit ihrer expressiven, zugleich präzise gebauten Tonsprache bewegt sie sich zwischen Tradition und Gegenwart – ohne modischen Konformismus, aber mit klarem ästhetischem Kompass. Internationale Beachtung fanden ihre Opern, etwa „Falsch verbunden“, „Fatima oder Von den mutigen Kindern“ und „Liliom“.
„Rauhnacht“ bietet eine klangliche Landschaft aus Schatten und Licht, aus Nebel und aufblitzenden Impulsen. Die fünf Musiker zeigten hier ihre Reife: Sie besitzen die Fähigkeit, eine vielschichtige Klangsprache zu entschlüsseln, in emotionale Intensität zu übersetzen und zugleich das Ungefähre offen zu lassen.
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Mit diesem Konzert hat V.Töne nicht nur ihr technisches Können und ihr musikalisches Verständnis, sondern auch ihre dramaturgische Intelligenz unter Beweis gestellt. Die Kombination aus klassischer Meisterschaft, humorvoller Moderne und zeitgenössischer Dichte zeigte die beeindruckende Bandbreite des jungen Ensembles.