Finnen im Frack: Spitzen-Männerchor bei den Festspielen

Kultur / 27.07.2025 • 13:53 Uhr
Waldeinsamkeit
Der YL Male Voice Choir gilt als einer der besten Männerchöre der Welt.BF/Christian Lins

Konzert des YL Male Voice Choir in Herz-Jesu.

Bregenz Die neue Intendantin Lili Paasikivi hat ihre finnische Charme-Offensive mit einem lustigen Video bei der Festspieleröffnung gestartet: Man sah schwitzende Männer in der Sauna, die sich beim Gang ins Freie unvermutet in der winterlichen „Freischütz“-Kulisse wiederfanden und von Applaus umtost wurden.
Am letzten Freitagabend konnte man nun in der bis auf den letzten Platz besetzten Herz-Jesu-Kirche in Bregenz ein wahres Juwel der finnischen Musikkultur entdecken: den Ylioppilaskunnan Laulajat Male Voice Choir, den ältesten finnischen Männerchor, der 1883 als Chor der Universität Helsinki gegründet wurde und der eine nationale Institution und zugleich einer der besten Männerchöre der Welt ist.

Waldeinsamkeit
Der finnische Chor klingt eher hell als dunkel.BF/Christian Lins

Bereits der Einzug der rund fünfzig Sänger war ein Ereignis: Sie schritten durch den Mittelgang nach vorne und summten dabei wie ein Insektenschwarm den Anfangston der ersten Komposition, sodass Sibelius‘ Vertonung eines Liedes aus der „Kanteletar“, der Sammlung finnischer Volkslieder aus dem 19. Jh., unmittelbar nach der Aufstellung einsetzte. Von Anfang an bestach der organische Chorklang, bei dem sich alle Stimmregister zu einem klangschönen Ganzen mischten. Dass der Chor insgesamt eher hell als dunkel klingt, liegt vielleicht daran, dass die Sänger bei diesem Universitätschor jung sind und die Tenöre deshalb besonders leicht die hohen Register meistern.

Waldeinsamkeit
Das Chorkonzert „Waldeinsamkeit” fand in der Bregenzer Herz Jesu Kirche statt.BF/Christian Lins

Das Programm umfasste Werke von der Spätromantik bis in die Gegenwart, die Texte stammten teils aus der „Kanteletar“, teils aus dem „Kalevala“, dem finnischen Nationalepos, oder waren Dichtungen, die vor allem die Natur und melancholische Stimmungen zum Thema hatten. Nach drei Liedvertonungen von Sibelius war es besonders reizvoll, eine Komposition des gemäßigt modernen Zeitgenossen Juuso Vanonen zu hören, der den gleichen Text aus dem „Kalevala“ vertonte wie zuvor Sibelius. Toivo Kuulas Kompositionen waren vom französischen Impressionismus beeinflusst, Mikko Sidoroffs verzweifeltes Liebeslied wurde ebenso subtil gestaltet wie die stimmungsvollen Natur- und Traumbilder von Leevi Madetoja. Finnisch ist eine vokalreiche Sprache, die gesungen sehr gut klingt, zumal die Sänger wie aus einem Mund artikulierten. Und dem Dirigenten Pasi Hyökki gelang es, den Eindruck zu erwecken, dass dem Publikum eine Geschichte erzählt wurde, dass es etwas Wichtiges mitzuteilen gab.
Besonders gespannt war man auf die Wiedergabe zweier Schubert-Lieder, „Die Stille“ und „Grab und Mond“. Hier gelang eine überirdisch schöne, fast jenseitige Wiedergabe. Ausgerechnet dabei störte zweimal der Klang einer Sirene aus der Außenwelt. Auch Schönbergs spätromantische „Verbundenheit“ gelang intensiv.
Unter den weiteren Werken stachen die bewegt gestaltete „Kindheit“ (Text von Rilke) von Rautavaara, die ukrainisch gesungene „Nacht“ der ukrainischen Komponistin Galina Grigorjeva mit ihren Anklängen an die orthodoxe Liturgie und eine aus dem 18. Jh. stammende Hymne von Eero Grundström hervor, die ein Tonband mit Hintergrundbegleitung einsetzte.

Waldeinsamkeit
Chorkonzert „Waldeinsamkeit” in der Bregenzer Herz Jesu Kirche.BF/Christian Lins

Die Zugaben schossen dann den Vogel ab: die Vorarlberger Landeshymne „Du Ländle, meine teure Heimat“, die gar nicht sentimental, sondern kraftvoll und rau klang, und zum Schluss die stimmungsvolle finnische Nationalhymne. Das Publikum dankte mit begeistertem Beifall, die Sänger erholten sich anschließend im Kornmesser. Bis spät in die Nacht hörte man über den Kornmarktplatz noch finnische Lieder schallen.

Ulrike Längle