Ein Ort zwischen Puderwolke und Spiegelbild

Kultur / 25.06.2025 • 16:14 Uhr
Karla Black
Karla Black schuf eine fragile, schwebende und zugleich erdverbundene Landschaft. Günter Richard Wett

Die schottische Künstlerin Karla Black stellt im Kunstraum Dornbirn aus.

Dornbirn Ein Hauch von Pfirsich-, Rosa- und Gelbtönen liegt in der Luft, als wäre der Raum selbst in Pastellstaub getaucht. Wer den Kunstraum betritt, betritt nicht nur eine Ausstellung, sondern ein multisensorisches Erlebnis, das sich zwischen Material, Form, Farbe und Raum entfaltet. Die schottische Künstlerin Karla Black hat mit Safety As A Stance eine fragile, schwebende und zugleich erdverbundene Landschaft geschaffen, die sich über die gesamte einstige Industriehalle legt – mit sinnlicher Wucht und poetischer Zurückhaltung zugleich.

Ein Ort zwischen Puderwolke und Spiegelbild
Karla Black möchte mit ihrem Werk dezidiert keine Botschaften transportieren. alexandra serra

Elf Meter hoch hängt von der Decke ein feines Gespinst aus 250 Rollen Toilettenpapier mit fünf verschiedenen Mustern. In 25 Reihen zu je zehn Bahnen hat Black diese leicht gefärbten Streifen zu einem luftigen Vorhang komponiert, der von 1000 Tackerklammern gehalten wird. Es ist eine künstlerische Choreografie aus Leichtigkeit und Präzision, aus Wiederholung und Variation. Dazwischen schweben durchsichtige Folien und abgeformte Papierobjekte, die zu Gebilden gebunden sind, die an Wolken oder Moleküle erinnern. Am Boden laufen die Papierbahnen auf Flächen aus gesiebtem Gips- und Pigmentpulver aus, eingerahmt von gekräuseltem Toilettenpapier, als wären es die zarten Beete einer imaginären Gartenarchitektur. Make-up-Kügelchen und Badekugeln verteilen sich auf diesen Farbinseln wie Tupfer in einer ornamentalen Landschaft.

Ein Ort zwischen Puderwolke und Spiegelbild
Karla Black: „Safety As A Stance“ und „Looking Glass (picture grid)“. alexandra serra

Während die Besucher auf vorgegebenen Wegen durch diese Landschaft schreiten, begegnen sie sich selbst. An der hinteren Längsseite der Halle hat Black die riesigen Fenster mit Spiegeln versehen – teils bemalt, teils leer. Unter dem Titel „Looking Glass (Picture Grid)” entsteht ein kaleidoskopischer Effekt. Die eigene Gestalt erscheint fragmentiert, verzerrt, gebrochen, als sei der Raum selbst in Bewegung geraten.

Ein Ort zwischen Puderwolke und Spiegelbild
Karla Black: „Safety As A Stance“ und „Looking Glass (picture grid)“. alexandra serra

Was Karla Black schafft, ist radikal abstrakt – nicht nur im Verzicht auf Figürliches, sondern auch im völligen Verzicht auf Aussagen, Botschaften oder Themen. „Meine Skulpturen haben Wirkung, nicht Bedeutung“, sagt sie. Die Begegnung des Betrachters mit dem Werk, die körperliche Erfahrung im Raum, ist für sie das Zentrum ihres Schaffens. Der einzige figürliche Moment ihrer Arbeit ist der Betrachter selbst. Alles andere bleibt bewusst vage, offen und widerständig gegenüber Interpretation. Ihre Kunst ist keine Chiffre, kein Symbol, sondern ein offener Zustand.

Ein Ort zwischen Puderwolke und Spiegelbild
Karla Black: „Safety As A Stance“ und „Looking Glass (picture grid)“. alexandra serra

Black ist Bildhauerin, doch ihre Skulpturen sind weich, wandelbar und ephemär. Gips wird nicht angerührt, sondern als Pulver verstreut. Pigment wird gesiebt, nicht fixiert. Die Materialien behalten ihre ursprüngliche Form oder lösen sich beinahe in dieser auf. Das scheinbar Unfertige wird so zum eigentlichen Zustand: ein Zwischenraum zwischen Rohheit und Vollendung. Alles entsteht vor Ort aus Intuition, Emotion und Reaktion auf den Raum, stets getragen von einem formalen Gespür, das Komposition, Farbe und Haptik zielsicher in Beziehung setzt.

Ein Ort zwischen Puderwolke und Spiegelbild
Karla Black: „Safety As A Stance“ und „Looking Glass (picture grid)“. alexandra serra

In Blacks Formsprache finden sich Spuren vergangener Epochen: Das Rokoko mit seinen schwingenden Linien, den floralen Ornamenten und der Liebe zu Pastell kehrt bei ihr in stiller, abstrahierter Form wieder. Die von ihr verwendeten Materialien – Toilettenpapier, Seife, Kunststofffolie, Make-up – hingegen entstammen der Gegenwart, dem Alltäglichen, dem Intimen. So verbindet sich barocke Gestaltungslust mit postindustrieller Materialästhetik zu einer neuen Skulptursprache, die Black zu einer internationalen Ausnahmekünstlerin gemacht hat.

Ein Ort zwischen Puderwolke und Spiegelbild
Karla Black: „Safety As A Stance“ und „Looking Glass (picture grid)“. alexandra serra

Im Kunstraum Dornbirn erreicht diese Praxis eine neue Dichte: durch die harmonische Farbpalette, durch die Komposition der Arbeiten und durch das Miteinander von Bestehendem und Neuem. Alles ist auf Wirkung hin gedacht und entfaltet diese mit zarter Entschlossenheit. Man durchschreitet nicht nur eine Ausstellung, sondern ein Gefühl, eine Haltung und eine Ahnung von Schönheit, die sich jeder Bedeutung entzieht. Nach der Eröffnung und dem Sommerfest am Donnerstag, 26. Juni, 19 Uhr läuft die Ausstellung bis zum 2. November.