Surreale Party in Pink

Umjubelte Premiere von Mozarts „Don Giovanni“ am Kornmarkt
Bregenz Alte Opernhasen erinnern sich noch, dass „Don Giovanni“ schon 2001 in Bregenz aufgeführt wurde; damals führte Tobias Moretti erstmals Opernregie. Am Sonntagabend ging die zweite Inszenierung dieser Oper der Opern über die Bühne des Landestheaters, mit viel inszenatorischer Fantasie und begeisternder Musikalität.

Der Regisseur Andreas Rosar versetzt das Geschehen etwa in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts, ohne zwanghafte Aktualisierungen. Im Mittelpunkt stehen die Begierden, Leiden und Abhängigkeiten, die der Titelheld in den Figuren auslöst. Schon ab der 1. Szene herrscht ununterbrochene Spannung. Das Bühnenbild von Fabian Lüdicke, der auch die Kostüme verantwortet (Licht: Simon Tamerl), zeigt die Ziegelwand von Donna Annas Palazzo und daneben moderne Gebäude, links vor dem Vorhang steht eine Bar. Rosar setzt die Drehbühne häufig ein und liefert so Bebilderungen der gesungenen Texte oder Rückblenden: Bei Leporellos Registerarie etwa sieht man eine Frau, die auf einer Tafel die Zahl der Eroberungen anzeigt.

Die Bauernhochzeit wird mit einer Partybande in Pink mit Cowboyhüten, Hasenohren und Reifrockgestellen gefeiert. Zerlina singt ihre Arie „Batti, batti“ vor der übermannshohen Figur eines rosa Rehs. Die Szene bekommt dadurch einen Zug ins Surreale. Ausgesprochen intelligent ist Rosars Personenführung, und es gibt auch viel zu lachen. Im 2. Akt lässt die Spannung etwas nach, und optisch dominiert das Makabre: In der Friedhofsszene fungieren weibliche Schaufensterpuppen als Grabmäler, Don Giovanni feiert sein letztes Mahl als Orgie, mit Nackten (im Trikot). Bei der Höllenfahrt ist der Komtur wie Giovanni in Schwarz mit einer silbernen Weste gekleidet. Schon in der 1. Szene, als Giovanni ihn tötet, sinken beide mit der gleichen Geste zu Boden, die rechte Hand aufs Herz gekrampft. Falls der Regisseur damit andeuten wollte, dass der Komtur das Gewissen Don Giovannis verkörpert, also einen Teil seiner selbst, ist das nicht so recht geglückt.

Musikalisch überzeugte die Aufführung fast durchgehend. Der Don Giovanni Alejandro Marco-Buhrmester, weißhaarig und mit langem Ledermantel, war weniger ein Genießer als ein glatter, zynischer Wüstling, im Duett mit Zerlina aber auch zu warmen Tönen fähig. Mit überbordender Spielfreude und kerniger Stimme ihm zur Seite Marcel Brunner als Leporello. Eine Freude war Ilia Skvirskii als Don Ottavio, mit schöner, lyrischer, aber auch heldischer Tongebung. Unverständlich, warum seine Arie „Dalla sua pace“ gestrichen war. Korbinian Schlag machte aus der kleinen Rolle des Masetto ein Kabinettstück, Evert Sooster als Komtur fehlte etwas die grabestiefe Schwärze. Réka Kristóf als Donna Elvira spielte ihre Rolle temperamentvoll und überzeugend. Stimmlich forcierte sie etwas zuviel, was ihrer Indisposition geschuldet sein mochte. Es ist überhaupt ein Wunder, wie flüssig diese Inszenierung geriet, da wegen vieler Erkrankungen kaum jemals mit allen Beteiligten geprobt werden konnte.

Nobel in Erscheinung und gesanglicher Gestaltung die Donna Anna der Marta Kristín Friđriksdóttir, in ihren großen Arien hätte man sich noch mehr Dramatik gewünscht. Martha Matscheko als Zerlina komplettierte das überzeugende Ensemble mit frischem, biegsamem Sopran und keckem Spiel. Der Festspielchor war von Benjamin Lack bestens einstudiert.

Meisterhaft die musikalischen Fäden zog Daniel Linton-France im Orchestergraben, er spielte auch das Hammerklavier bei den Rezitativen. Unter seiner Leitung begleitete das Symphonieorchester Vorarlberg präzis, plastisch und sprechend, homogen im Gesamtklang und spielfreudig in den Einzelstimmen. Nach diesem fulminanten „Don Giovanni“ wünscht man sich trotz Sparzwang wieder jährlich eine Oper im Kornmarkt!
Ulrike Längle