Die Macht der Fantasie

In “Reise nach Laredo” lässt Arno Geiger König Karl V. an die spanische Nordküste aufbrechen.
Schwarzach Immer wieder aufs Neue vermag er es, die Lesenden mit seinen Büchern zu überraschen. Zuletzt outete sich Arno Geiger in „Das glückliche Geheimnis“ als Altpapier-Junkie, in seinem neuen Roman begleitet er Kaiser Karl V. auf seiner letzten Reise. Der Vorarlberger Erfolgsautor eröffnet sein 272 Seiten zählendes Werk mit dem Satz: So gegen zehn Uhr am Vormittag in dem Hof, in dem sich die Sonnenuhr befindet, soll der Privatmann Karl mittels einer Hebevorrichtung in einen Zuber mit heißem Wasser gehoben werden. Der König vom Heiligen Römischen Reich ist unfähig eine lästige Fliege abzuwehren. Das Ende nah.

Nur die Gespräche mit dem elfjährigen Pagen Geronimo wecken seine Lebensgeister und er schlägt vor: „Vielleicht sollten wir gemeinsam durchbrennen.“ Doch schon der Folgesatz verweist auf die fehlende Ernsthaftigkeit: „Davonlaufen verlangt die Mitarbeit des Körpers, und mein Körper ist, befürchte ich, nicht geneigt, diese Mitarbeit zu leisten.“
Doch Reisen vermag auch Flügel zu verleihen. Und so reiten sie nachts auf Pferd und Maulesel frei nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ nach Laredo an die nordspanische Küste. Wie Don Quichote und Sancho Pansa ziehen sie hinaus in die karge Hochebene, treffen auf Miguel de Cervantes und kurz tauchen auch Tizian und Dürer in der Erinnerung Karls auf. Dann als sie in einem einsamen Bergdorf Quartier nehmen, erwartet sie, angekettet im Hinterhof, ein Tier, das dem Reich der Fabel zuzuordnen wäre: ein leibhaftiger Greif – halb Löwe, halb Vogel. Überall begegnen ihnen Brutalitäten und Ungerechtigkeiten. Als Karl und Geronimo dem fahrenden Geschwisterpaar Angelita und Honza, Angehörige der diskriminierten und verfolgten Volksgruppe der “Cagots”, das Leben retten, ziehen sie zu viert auf einem Heuwagen weiter. Dabei erlebt Karl das, was ihm in bisher Hinsicht gefehlt hat: Freundschaft, Liebe und Glück. Er reitet, tanzt, säuft, zockt und prügelt sich ungeachtet seines kaputten Körpers. Vor allem aber grübelt der sterbende Ex-König über Gott, die eigenen Fehler und zieht Bilanz.
Geiger schafft es in seiner Roadmovie-ähnlichen Roman die beiden Erzählebenen ineinanderzuverweben. In der Schilderung der Reise verweist er immer wieder auf den in seinem Klosterbett dahindämmernden Kaiser, und sei es, dass sich der reitende oder fahrende Mann an seinen schmerzenden, von Gicht gequälten Körper erinnert. Hier in „Reise nach Laredo“ ist Machtverlust ein Thema, Karl der V. wird zu jedermann und ist als der Tod kommt, einer wie alle.
Das neue Werk von Arno Geiger ist etwas ganz Besonderes und eine klare Leseempfehlung. CRO