Lodernde Klänge, beißende Rhythmen

Kultur / 28.07.2024 • 15:58 Uhr
Lodernde Klänge, beißende Rhythmen
OK Orchesterkonzert der Wiener Symphoniker fand am Sonntag statt. Bregenzer Festspiele / Dietmar Mathis

Die Wiener Symphoniker unter Enrique Mazzola schöpften im 2. Orchesterkonzert aus dem Vollen.

von Fritz Jurmann

Bregenz Das war wieder so etwas, was man einen richtigen Volltreffer nennen kann, dieses zweite Orchesterkonzert der Bregenzer Festspiele gestern Vormittag im ausverkauften Haus. Ein Event, das die Besucher mit einem publikumsfreundlichen Programm zwei Stunden lang musikalisch verwöhnte sowie begeisterte und das Orchester der Wiener Symphoniker entsprechend auf Trab hielt.

Denn einfach war das alles nicht zu spielen, was sich da in einem hochromantischen, auch geisterhaften Programm zwischen Faust-Ouvertüre, Hexen-Sabbath und Feuervogel alles ereignete. Letztlich aber doch eine Herausforderung, das unser Orchestra in Residence mit Freude angenommen und unter dem Conductor in Residence, Enrique Mazzola, auch blendend umgesetzt hat. Ein offenes Geheimnis, dass die beiden seit „Rigoletto“ am See fabelhaft miteinander können.

Lodernde Klänge, beißende Rhythmen
Die Solistin an der Klarinette begeisterte das Publikum. Bregenzer Festspiele / Dietmar Mathis

Es ist alles angerichtet für ein Fest der Klänge. Angefangen beim ersten Teil, der von zwei Musikerinnen bestimmt wird, die beide fast gleich heißen – eine fast vergessene Komponistin des 19. Jahrhunderts, Emilie Mayer, und die aktuelle Grande Dame der Klarinette, die Deutsche Sabine Meyer. Die aus Mecklenburg stammende Emilie Mayer (1812 – 1883) gehörte zu jener Generation von Frauen, die in der Komposition oft hochbegabt waren, diesen Beruf aber aufgrund gesellschaftlicher Konventionen der damaligen Zeit nur begrenzt ausüben durften. Mayer war mit ihren acht Symphonien immerhin so erfolgreich, dass man sie ihres Idols wegen als „weiblichen Beethoven“ bezeichnet hat. Überlebt hat nach ihrem Tod die wiederentdeckte „Faust“-Ouvertüre, die sie als 70-Jährige als letztes Werk hinterlassen hat – ein Stück Klassik, das sich im Bemühen um eine eigene Aussage profiliert hat.

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Am Ende gab es großen Applaus. Bregenzer Festspiele / Dietmar Mathis

Es gibt wohl kaum eine weltweit gefeierte Künstlerin, die zuletzt in Vorarlberg so oft zu hören war wie die deutsche Klarinettistin Sabine Meyer (65). Nachdem sie 1983 über Karajans Wunsch als erste Frau bei den Männer-dominierten Berliner Philharmonikern einen Eklat ausgelöst hatte, trat sie zwei Jahre später bereits bei der Schubertiade in Hohenems auf und gastierte bis heute bei über 50 Kammerkonzerten bei diesem Festival.

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Der Dirigent Enrique Mazzola leitete das Spektakel. Bregenzer Festspiele / Dietmar Mathis

Seltener ist Sabine Meyer bei uns im Konzertsaal zu hören, wie diesmal mit dem f-Moll-Konzert von Carl Maria von Weber, das zu den Standards für ihr Instrument gehört. Auch wenn es bereits 1811 entstand, also zehn Jahre vor seinem „Freischütz“, führt es bereits deutlich hörbar in die Welt der Romantik, mit Waldweben, Hörnerklang und Wolfsschlucht. Meyer nimmt diese Anregungen gekonnt auf, macht sie tonlich überlegen zu sprühend lebendiger Musik mit bruchlosen Kantilenen und der extremen Virtuosität, die Weber seinen Musikern abverlangt. Die Künstlerin gestaltet den komplexen Solopart natürlich komplett auswendig und lässt dabei in keinem Moment erkennen, dass sie dieses Werk bereits ein Leben lang gespielt hat. Es gelingt ihr so frisch und frei von bloßer Routine, wie sie sich selbst gibt und damit auch den unmittelbaren Zugang zum Publikum findet, welches ihr spontan zujubelt.

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Der Dirigent leitete das Orchester gekonnt. Bregenzer Festspiele / Dietmar Mathis

Nach der Pause gehört die Bühne nun ihnen allein, Dirigent und Orchester, mit zwei russischen Orchesterwerken, die sich gewaschen haben. Mussorgskis Symphonische Dichtung „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ ist ein Geister-Spuk an mitreißender Orchestermusik, die wie ein Wirbelwind durch den Saal jagt, mit Dissonanzen und beißenden Rhythmen ausgestattet und in dieser präzisen Darbietung auch hier nicht seine Wirkung verfehlt. Von kostbarer Eleganz getragen ist Strawinsyks dritte Ballettsuite „Der Feuervogel“ von 1945. Ein Monolith im Repertoire, bei dem die Musiker lustvoll aus dem Vollen schöpfen und das Format zu einer wunderbaren technischen und klanglichen Vollendung führen. Mazzola besitzt ein sicheres Gespür für die Wirkung auflodernder, leuchtend greller Farben und schrägen Harmonien. Die impressionistischen Klangschichten, die gleißenden Akkordballungen führen unweigerlich zum Finale, das sich wie eine Eruption schwer atmend entlädt und beim Publikum einen Jubelschrei auslöst.