Zerrissenheit zwischen den Verlassenden und Zurückgelassenen

Kultur / 09.06.2024 • 16:01 Uhr
motif theater gehen und kommen
Das Motif Theater bei der Uraufführung im Theater Kosmos. ths

Das Motif Theater feierte mit dem Stück „Gehen und Kommen“ eine Uraufführung im Theater Kosmos.

Dornbirn Vor 60 Jahren wurde das sogenannte Anwerbeabkommen zwischen der Türkei und Österreich unterzeichnet. Der Startschuss für das Kommen der türkischen „Gastarbeiter“ nach Österreich bzw. Vorarlberg begann. „Man weiß, dass über 100.000 Türken nach Österreich kamen, aber das konnte man durch das Gehen und Kommen nie so genau sagen“, so Politikwissenschaftler Markus Barnay. Heute leben über 12.800 Menschen mit türkischer Staatsbürgerschaft in Vorarlberg, ca. 124.000 in ganz Österreich.

G wie Gastarbeiter

„Gehen und Kommen“, ein Stück des 1993 in Lustenau geborenen Autors Amos Postner, fragt nach Erinnerung und Folgen und vor allem zeigt es den Konflikt, die Zerrissenheit zwischen den ihr Zuhause verlassenden meist männlichen „Gastarbeitern“ und den zuhause zurückgelassen Kindern, Müttern, Eltern und Großeltern. Das Stück wurde von Postner speziell für das Laientheater des interkulturellen Vereins Motif, dessen Obmann Yener Polat, der auch die Idee zu dieser Aufführung hatte, geschrieben. Regie führte Nuri Kalfa, der u. a. die Regieassistenz bei der rabenschwarzen Komödie „Dirty Dishes“ (2023) innehatte.

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Eines der Exemplare aus der Ausstellung “Landlos”. ths

Im Mittelpunkt steht dabei Özlem (Özlem Sahin), eine Deutschlehrerin am Gymnasium, deren Eltern aus der Türkei nach Österreich migriert sind. Ihre geordnete Welt gerät ins Wanken, als ihr Mutter eine Kassette (Tonbandaufnahme) schickt – sie sieht sich mit ihrer familiären Vergangenheit konfrontiert, von der sie sich loszusagen geglaubt hat. Die Eingangsszene, mit Humor und Doppelbödigkeit versetzt, zeigt vier vertikal aufgestellte Betten, in denen „Gastarbeiter“ schlafen und der eine versucht dem anderen seinen Traum zu erzählen: „Ich wurde ausgelacht. Von wem? Von meinem Chef. Mein Chef lacht mich aus und sagt, niemand wird sich an dich erinnern.“ Es folgen Szenen wie der Besuch der jungen Özlem mit ihrer Mutter bei einer Ärztin, Gespräche innerhalb der Familie, unter Jugendlichen, bis zu den verschiedensten Tonbandaufnahmen der einzelnen Akteure (Vater, Mutter, Tochter).

Ein gigantisches Dominospiel

Schließlich kommt es zum Tod des Vaters von Özlem, Okan, der in Österreich an einem Leberkarzinom stirbt. Sein Leichnam wird aufgebahrt, in diesem Moment betreten alle Schauspieler, schwarz gekleidet und mit einem Regenschirm adjustiert, die Bühne. „Wie ein gigantisches Dominospiel, einer stößt an und dann fallen alle“. Alle fallen um und stehen wieder auf – „wir bleiben nicht liegen.“ „Wird es schwer sein, zu sterben in der Heimat meines Sohnes?

Das Ensemble hat durchwegs überzeugt, vor allem Özlem Sahin und Okan Kalfa waren beeindruckend, aber auch Yasemin Karali als Yasemin, die jüngere Schwester von Özlem.

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Die Ausstellung findet man im Foyer des Theater Kosmos. ths

Durch Ausstellung begleitet

Sehenswert ist vor allem auch die Ausstellung „Landlos“ im Foyer des Theater Kosmos, die die aktuelle Produktion begleitet. Der Feldkircher Nikolaus Walter, einer der wichtigsten zeitgenössischen Fotografen Österreichs, zeigt Schwarz-Weiß-Fotografien, begleitet von Gedichten des 2016 in Feldkirch verstorbenen Lyrikers und Redakteurs Kundeyt Şurdum. Er und Walter waren die Ersten in Vorarlberg, die den Fokus auf die „Gastarbeiter“ im Land legten.

Theater-Kosmos-Direktor Hubert Dragaschnig bringt es auf den Punkt: „Dass man sich dafür entschuldigen muss, wie man diese Leute bei uns aufgenommen hat! Wir haben Gastarbeiter geholt und Menschen sind gekommen.“ Beeindruckende Fotos, befreit von jedem Pathos, schnörkellos und vielsagend. „Gehen und Kommen“ sowie die Ausstellung „Landlos“ sind aus einem Guss. Absolut sehenswert. THS