“Es ist ein mühevoller Kraftakt, sich als Frau in der Musikbranche durchzusetzen”

Der Wiener Schmusechor unter der Leitung der Vorarlbergerin Verena Giesinger schreibt mit seinem Neujahrskonzert Geschichte.
Wien, Altach Zum Jahreswechsel wird ein neues Kapitel in der Geschichte der Neujahrskonzerte aufgeschlagen. Die Vorarlbergerin Verena Giesinger (36) lädt mit ihrem Schmusechor zum ersten queerfeministischen Neujahrskonzert im Wiener WUK. Seit fünf Jahren leitet die aus Altach stammende Dirigentin den Wiener Chor, der sich mit schillernden Auftritten und bunten Musikvideos in der österreichischen Musiklandschaft einen Namen gemacht hat. Im VN-Interview berichtet Verena Giesinger über das besondere Konzert, die Beweggründe und das verstaubte Image des klassischen Wiener Neujahrskonzerts.
Wie kam die Idee, ein queerfeministisches Neujahrskonzert zu veranstalten?
Der erste Impuls kam mir bei einer Auszeit in den Bergen im Brandnertal Anfang 2023, als ich mir in aller Feierlichkeit nach mehreren Jahren mal das vielerorts gelobte Wiener Neujahrskonzert angesehen habe. Abgesehen davon, dass mehrere Traditionen der sogenannten „österreichischen Hochkultur“ dringend entstaubt und ins Jetzt übersetzt gehören, hat mich ein Interview des damaligen Dirigenten inspiriert bzw. provoziert. Das Neujahrskonzert wurde bisher ausschließlich von Männern dirigiert – so auch das 83. Mal und 2024 zum 84. Mal. Auf die Frage, weshalb in der Geschichte noch nie eine Frau dirigiert hat, antwortete der Dirigent mit „es kommt hierbei nicht auf das Geschlecht, sondern auf die Erfahrung an, die man in Orchestern gesammelt hat. Das ist eine künstlerische Frage, keine politische, denn fürs Neujahrskonzert gilt schlicht: Das ist das Komplexeste, was man dirigieren kann.“ Jetzt wissen wir es also, das Neujahrskonzert ist zu komplex für nicht männliche Dirigierende. Der Startschuss und die Motivation für das erste queerfeministische Neujahrskonzert war geboren.
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Welches Statement möchtet ihr mit eurem Konzert setzen?
In erster Linie wollen wir ein Wien bzw. Österreich auf die Bühne bringen, wie wir es tatsächlich im Alltag und im künstlerischen Schaffen täglich erleben. Wir wollen die Vielfalt zeigen, die für unsere Stadt steht, sie definiert und uns inspiriert. Wir wollen eine Vision kreieren, wie wir uns die Zukunft wünschen. Nämlich frei von Diskriminierung, weg von rein männlichem Line-Up und gefüllt mit möglichst vielen verschiedenen Rolemodels.
Wie verstaubt ist eurer Meinung nach das klassische Wiener Neujahrskonzert?
Wir finden: Sehr. Angefangen bei der Musik, die nahezu ausschließlich oder gänzlich von Männern komponiert wurde, über die Videoeinspielungen, bei denen das „klassische“ Wien oder Österreich gezeigt wird, bis hin zum Blumenschmuck, den eindimensionalen Körperbildern der Balletttanzenden sowie der fehlenden Sichtbarkeit einer nicht männerdominierten Besetzung im Orchester – vieles davon erlebe ich als nicht zeitgemäß und repräsentativ.

Was gibt es zu hören und wie ist die Auswahl der Lieder erfolgt?
Das Neujahrskonzert im Musikverein bietet unbegrenzt Themen, die wir als Referenzen und Inspiration für die Kuration eines neuen, hoffentlich zukunftsweisenden Abends heranziehen können. Unser Programm wird Bezug nehmen, Verbindungen schaffen, aber auch bewusst mit den verstaubten Traditionen brechen und sie endlich in ein 2024 übersetzen. Ein Verflechten von Klassik mit zeitgenössischem Pop, kombiniert mit Hebefiguren aus dem Ballett, einer majestätischen Adaption vom Walzer, entweder von FLINTA* Personen (Anm.: steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen) komponiert, kreiert oder mit feministischen Männern gemeinsam präsentiert.
Es heißt, auf Walzer und Streicher müssen Besucher nicht verzichten. Es war euch also auch wichtig, dass die Tradition trotzdem berücksichtigt wird?
Unsere Musik gemeinsam mit Streicherinnen zu erweitern, ist ein langjähriger Traum von mir, den wir uns nun endlich erfüllen werden. Die Besucher können sich auf eine ganz besondere Distorsion bzw. Adaption dieser Form der Musik freuen. Und selbstverständlich werden wir uns dem Walzer annehmen, sind wir doch alle damit in der einen oder anderen Form aufgewachsen oder in Berührung gekommen.
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Ihr habt auch Co-Acts für das Konzert verpflichtet. Was könnt ihr bereits verraten?
Österreichs Bühnen definieren sich über die fehlende Sichtbarkeit von verschiedenen marginalisierten Menschen. Uns war es ein großes Anliegen, mit einem intersektionalen, queer-feministischen Neujahrskonzert ein zukunftsweisendes Zeichen zu setzen. Es ist längst Zeit, dass Veranstalter der Musikbranche zur Verantwortung gezogen und weiße, männlich dominierte Line-Ups bei Festivals oder eben in großen Konzerthäusern verunmöglicht werden. Deswegen werden wir die Bühne, die uns im WUK geboten wird, mit großartigen Wiener Künstlerinnen teilen und freuen uns jetzt schon enorm darauf.
Wie würdet ihr die Situation von Frauen in der Musikbranche beurteilen? Wo besteht Handlungsbedarf?
Handlungsbedarf besteht an allen Ecken und Enden. Die Debatte um nicht männliche Dirigenten beim Neujahrskonzert steht für uns stellvertretend für die vielen Missstände in Österreichs Musikbranche. Ich erlebe in meinem beruflichen Alltag ständig strukturelle Diskriminierung, die bei fehlender Augenhöhe mit Veranstalterinnen und Veranstaltern anfängt und sich nicht zuletzt in der Zusammenarbeit mit Tontechnikern äußert, bei denen ich mich die ersten Minuten von unseren Soundchecks immer wieder aufs Neue profilieren muss, bis mir geglaubt wird, dass ich die technischen Bedürfnisse meines Chors nach neun Jahren doch schon sehr wohl kenne. Dass es immer noch Festivals mit nahezu ausschließlich männlichem Line-Up gibt, ist ein Missstand, die fehlende Sichtbarkeit von FLINTA*-Musikern auf den Bühnen und die daraus resultierenden fehlenden Vorbilder ein weiterer. Es ist ein durchaus mühevoller Kraftakt, sich als Frau in der Musikbranche durchzusetzen, der jeden Tag aufs Neue eine bewusste Entscheidung und viel Energie benötigt. Ich habe das Glück, dass der Schmusechor eine bestärkende Community für mich ist. Mit dieser Rückendeckung haut mich zum Glück so schnell nichts um. Das wünsche ich uns allen.

Das Konzert war innerhalb von Sekunden ausverkauft, sodass ihr einen Zusatztermin angesetzt habt. Was sagst du zu einer solchen Resonanz?
Im ersten Moment dachte ich ernsthaft, es handle sich um einen technischen Fehler. Nach einem bestätigenden Anruf bei den Veranstalter*innen des WUK Wien, dass wir wirklich in 40 Sekunden den ersten Termin ausverkauft haben, wusste ich nicht wie mir geschieht. Für uns ist dieser überirdisch schnelle Ausverkauf von zwei Terminen einfach ein wundervoller Zuspruch, dass wir mit dem Thema einen Nerv getroffen haben und unsere Arbeit wertgeschätzt wird. Das ist erfüllend und wohltuend, auch wenn ich es noch nicht ganz realisieren und greifen kann.
Für alle jene, die ein Ticket ergattert haben. Worauf darf man sich freuen?
Es wird eine Explosion, soviel kann gesagt sein. Für alle, die nicht kommen können: Es wird einen Live-Stream auf unserer Webseite geben, das heißt: Sogar in Vorarlberg kann man das erste queer-feministische Neujahrskonzert miterleben.
Neujahrskonzert: 5. (Zusatztermin) und 6. Jänner 2024 im WUK, Wien (ausverkauft). www.schmusechor.at