Da hört man die Engel singen

Bachs Weihnachtsoratorium hinterließ bei den Meisterkonzerten einen bleibenden Eindruck.
BREGENZ Die Schrecksekunde dauerte etwas länger, bis die Landung der britischen Maschine im Schneesturm auf dem Flughafen Zürich beim zweiten Mal gelang. Noch etwas bleich, aber guten Mutes berichteten dies die Sänger und Musiker des Londoner Orchestra and Choir of the Age of Enlightenment. Am Abend war dann alles wieder gut, und Bachs singuläres Weihnachtsoratorium wurde wenige Tage vor dem ersten Advent für das restlos ausverkaufte Festspielhaus zur schönsten und berührendsten Einstimmung auf Weihnachten, die man sich nur denken kann.

Es gibt in der Kunst kaum Vergleichbares, das die Geburt Christi mit solcher Innigkeit und menschlicher Anteilnahme, gleichzeitig in solch künstlerischer Großartigkeit schildert wie eben dieses Werk. Es erklingt heute in vielen europäischen Großstädten jährlich regelmäßig zum Fest, für die Anhänger der historischen Aufführungspraxis hier erstmals in diesem Rahmen durch ein international führendes Originalklangensemble. Das 1986 in London gegründete, schlank besetzte Orchester auf historischen Instrumenten und mit an historischer Aufführungspraxis orientierter Spielweise definiert schon mit dem Begriff „Enlightenment“ („Aufklärung“) im Namen auch sein Programm mit einem ständigen Hinterfragen. Es verbindet sich unter der Leitung des charismatischen japanischen Alte-Musik-Gurus Masaaki Suzuki mit dem 16-köpfigen, jung besetzten Chor zu einer wunderbar homogenen klanglichen Einheit, bei der man sprichwörtlich „die Engel singen hört“.
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Dabei entsteht hier die an sich naive Handlung vom Kindlein in der Krippe, den Engeln und Hirten klar durchgestylt und ohne jede aufgesetzte künstliche Süßlichkeit. Im Gegenteil: Allein in der Wahl der Choräle als Säulen, die der Dirigent Philippe Herreweghe einmal „Fenster zur Ewigkeit“ genannt hat, erkennt man die Übereinstimmung der Choralmelodien um Weihnachten mit jenen, wie sie später etwa mit angepassten Texten bei „O Haupt voll Blut und Wunden“ in Bachs Passionen Verwendung finden.

Parodie nennt man dieses Verfahren, und es ist ein deutlicher Verweis darauf, welches Schicksal dem kleinen Jesuskind später einmal am Kreuz bevorsteht. Man muss Bachs Weihnachtsoratorium von 1734 als unglaublich intensive Darstellung des Weihnachtswunders mit diesen musiktheoretischen Feinheiten nicht begreifen wollen. Aber man kann sich wie hier von einer stilistisch so sehr ausgefeilten Wiedergabe auch einfach forttragen lassen, im barocken Glanz, der Virtuosität der Sänger und Musiker und dem kostbaren Klang ihrer Stimmen und Instrumente – ein fast meditatives Erlebnis für viele.
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Den Solisten sind dabei spezielle Aufgaben zugedacht, die sie stimmlich überlegen und akzentfrei erfüllen. Sie treten für ihre Arien aus dem Chor heraus und fügen sich danach wieder nahtlos in die Gemeinschaft ein. Die Sopranistin Jessica Cale ist für die erkrankte Anna Dennis eingesprungen, ihre bei Bach einem Knaben zugedachte, einfachere Partie des Engels, weil die Frau damals in der Kirche keine Stimme hatte, wird von hohen Streichern als „Heiligenschein“ beleuchtet. Eine Nummer für sich ist der blonde, draufgängerische Countertenor Hugh Cutting, der als Altus wahre Wunder an Leichtigkeit, Farbgebung und Sicherheit vollbringt. Der Tenor Guy Cutting führt brillant die beiden Partien des Evangelisten und des koloraturfreudigen Solisten zusammen, Florian Störtz verfügt über eine weiche, sauber geführte Baritonkultur.

Durchaus legal ist es, der Länge wegen nur die ersten drei Kantaten des sechsteiligen Werkes aufzuführen. Das hätte mit ca. 90 pausenlosen Minuten auch genügt. Dass man zwischen der zweiten und dritten Kantate noch eine Bach-Motette eingeschoben hat, nur um die zwei Stunden Konzertzeit zu füllen, ist schwer verständlich. Denn die Motette passt als Fremdkörper schon thematisch nicht in den geschlossenen Bogen der ersten drei Weihnachtskantaten und verlängert den Abend mehr durch Umbauarbeiten als durch Musik.
FRITZ JURMANN
Nächstes Bregenzer Meisterkonzert: 2. Februar 2024, 19.30 Uhr, Bregenz, Festspielhaus