Ein Meister der Resonanzen

Harald Gmeiner zeigt seine neuesten Arbeiten in der Galerie Lisi Hämmerle.
Bregenz Harald Gmeiner verbrachte dieses Jahr zwei Monate lang als Artist in Residenz in Bilbao, jener Stadt, die seit dem Bau des Guggenheim-Museums (1997), eine Dependance des New Yorker Guggenheim-Museums, durch Frank O. Gehry eine unglaubliche Prosperität erfuhr und zu einem Mekka für Architekten und Kunst/Kulturtourismus wurde. Eine Vielzahl an Architekten (Foster, Calatrava, Moneo, Stark etc.) und Künstler (Richter, Baselitz, Kiefer, Koons, Chillida, Serra, Bourgeois etc.) haben seitdem dazu beigetragen, dass die baskische Provinzhauptstadt eine Vorreiterrolle innerhalb des Städtebaus einnimmt. Mit jährlich über 1,2 Millionen Touristen ist Bilbao nach Barcelona und Madrid zur drittmeistbesuchten Stadt Spaniens avanciert. Hier fand Gmeiner für einen Künstler nahezu paradiesische Zustände vor.

Narrationen der Unbestimmtheit
Das Auslandsstipendium in Bilbao wurde Harald Gmeiner von der Kulturabteilung des Landes Vorarlberg vermittelt, die bereits seit Längerem ein Austauschprogramm im Bereich Bildende Kunst mit der Bilbao Arte unterhält. Einen Teil der Ausbeute dieses Aufenthalts präsentiert Harald Gmeiner nun in der Galerie Lisi Hämmerle. Es handelt sich um überwiegend großformatige Arbeiten (vorwiegend in Acryl) sowie zehn kleinformatige Farbzeichnungen (Buntstifte, Wachskreide, Tusche).

„Die Arbeitsbedingungen im Bilbao Arte konnten besser nicht sein“, so Gmeiner, „es gab von überall her eine tolle Unterstützung.“ Er hat diesen Aufenthalt weidlich genützt und eine Vielzahl an Bildern produziert. In seiner Arbeitsweise ist Gmeiner ungemein fokussiert. Die Flächenaufteilung in seinen Arbeiten ist außergewöhnlich dynamisch: Kompositionell präzise gesetzte Markierungen, kleine Eyecatcher, gestische Verwischungen, Schriftzeichen, zufälliges Gekritzel, genuine Malerei, sogar collageartige Bildelemente finden Verwendung. Es sind dies äußerst kraftvolle Partituren, Narrationen der Unbestimmtheit, denen sich der Betrachter gegenübersieht.

„Es geht mir darum, was der Rezipient sieht und nicht der Künstler“, so Gmeiner und kommt somit auf das Credo seiner Kunst zu sprechen: „Ich möchte etwas kreieren, das ich nicht kenne.“ Ohne es zu wissen, zaubert er Archetypen aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschheit auf seine Leinwände oder auf Papier, die einen nur Staunen machen. Gmeiners Malduktus hat etwas Ungesteuertes, also nicht mit/durch Willkür Hergestelltes. Den Tiefen des kollektiven Gedächtnisses entrissen, unfiltriert und originär auf die Leinwand transportiert, entfacht er damit kleine, herrliche Gedankenstürme.

Er bringt träge Resonanzen zum Schwingen, befreit von herkömmlichen Mustern und kommt ohne Zitate aus, der wahre Kern der Malerei, die Visualisierung des nie bzw. des so noch nie Gedachten.
Thomas Schiretz
Galerie Lisi Hämmerle
Harald Gmeiner
Residency BilbaoArte 2023
bis 22. Dezember 2023