Literarisches Schreiben im Dialog mit ChatGPT

Kultur / 23.11.2023 • 15:05 Uhr
David Fuchs, Gerhard Ruiss, Erika Kronabitter und Lars-Arvid Brischke (v. l.) <span class="copyright">CRO</span>
David Fuchs, Gerhard Ruiss, Erika Kronabitter und Lars-Arvid Brischke (v. l.) CRO

Der Verleihung des Lyrikpreises 2023 geht die Lesung der besten Texte junger Nachwuchsautoren voraus.


Feldkirch Die Montfortstadt steht am Wochenende ganz im Zeichen der Literatur. Die Verleihung des von Autorin und Künstlerin Erika Kronabitter initiierten Feldkircher Lyrikpreises als Höhepunkt am Samstagabend wird von verschiedensten Veranstaltungen umrahmt, wie das poetische Live-Radio-Projekt “Radio rosa”, die Ausstrahlung des Films “Das Chlebnikov Projekt”, eine literarische Spurensuche mit Philipp Schöbi von Sherlock Holmes zum Zauberberg und mit “Absolutely: ChatGPT – Präsentation der Ergebnisse des Jugendwettbewerbs”. Junge Schreibende präsentieren im Rahmen eines Literaturtalks experimentelle Texte, die in Auseinandersetzung mit der sprachbasierten künstlichen Intelligenz entstanden sind. Zwei von ihnen, Simon Mentin (31)und Katharina Saler (23), beide Studierende an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg, erzählen den VN von ihren Erfahrungen.


VN: Was hat Sie an der Ausschreibung des Jugendwettbewerbs Absolutely ChatGPT gereizt?
Katharina Saler: In der Lehrveranstaltung „Literarische Gattungen und ihre didaktische Aufbereitung“ des Schwerpunkts „Deutsch und Mehrsprachigkeit“ initiierte Dozentin Elke Kikelj-Schwald dasProjekt “Literarisches Schreiben – im Dialog mit ChatGPT”. Dazu organisierte das Theater am Saumarkt einen Workshop mit IT-Fachmann Alexander Wachter. Er gab uns die Aufgabe, einen literarischen Text mithilfe der KI zu verändern, aber auch die Arbeit mit ChatGPT kritisch zu reflektieren. Da durch dieses „Herumprobieren“ einiges an spannenden Texten zusammengekommen ist, habe ich mich dazu entschlossen, einen der Texte schließlich einzureichen.
Simon Mentin: Der Reiz lag für mich darin, mit einer Maschine auf geistiger, aber auch künstlerischen Ebene zu interagieren. Zu sehen, wie gut das Programm lernt, wie es meine Texte adaptiert und auch, wie ich dieses Tool nutzen kann.

Katharina Saler:  Ich sehe die KI als Chance an.  <span class="copyright">Katharina Saler</span>
Katharina Saler: Ich sehe die KI als Chance an. Katharina Saler

VN: Was hat Sie verwundert an der Verwendung von ChatGPT?
Simon Mentin: Es war mehr eine Faszination wie eine Verwunderung. ChatGPT scheint zu „denken“, indem es Strukturen erkennt, und lernt außerdem von mir als Anwender auch noch mit. Es ist spannend zu sehen, wie sich dadurch Texte entwickeln, aber auch wie man merkt, wie sehr man sich kurzzeitig in dem Programm verliert.
Katharina Saler: Am meisten erstaunte mich vermutlich die Fähigkeit der KI, durch exakt formulierte Aufträge präzise Ergebnisse zu liefern. Je genauer ich meine Anweisungen vorgab, desto detaillierter und stimmiger waren die Antworten des Chats.

Feldkircher Lyrikpreis: "in einem zimmer sitzen, das es nicht gibt".
Feldkircher Lyrikpreis: "in einem zimmer sitzen, das es nicht gibt".

VN: Haben Sie Änderungen vorgenommen?
Simon Mentin: Ja, ich habe versucht den Sprachrhythmus durch das Programm ändern zu lassen. Habe die Betonungsmuster verändert und habe das Gedicht interpretieren lassen. Schlussendlich wollte ich aber, dass mein Gedicht in der Form und im Inhalt gleich bleibt. Allerdings sollte es in einer neudeutschen Jugendsprache gestaltet sein.
Katharina Saler: Ich habe eigenen Text von Chat GPT verändern lassen. Mithilfe der Veränderungen konnte ich meinen Originaltext verbessern und an meinen Schreibstil anpassen. KI ermöglichte mir einen neuen Blickwinkel auf die Geschichte. Manches, was für mich als Verfasserin klar war, erschien der KI unverständich. Und ich habe gemeinsam mit ChatGPT einen Prolog für einen Fantasy-Roman, an dem ich gerade schreibe, verfasst. Dazu habe ich meinen Textentwurf durch die KI anhand bestimmter Kriterien verändern lassen. Was mir zusagte, habe ich ins Original übernommen.

Simon Mentin: Der Reiz lag für mich darin, mit einer Maschine auf geistiger, aber auch künstlerischen Ebene zu interagieren.  <span class="copyright"> Simon Mentin</span>
Simon Mentin: Der Reiz lag für mich darin, mit einer Maschine auf geistiger, aber auch künstlerischen Ebene zu interagieren. Simon Mentin

VN: Inwieweit ist die Verwendung von ChatGPT in der modernen Kommunikation, aber auch in der Literatur zu hinterfragen?
Simon Mentin: Wichtig ist, dass man das Programm als Hilfsmittel nutzt, um sich selbst weiter zu entwickeln und zu lernen. Nur durch selbstständiges und kritisches Denken ist meiner Meinung nach eine ideale Nutzung des Tools möglich. Ich muss dazu sagen, dass ChatGPT auch kreativ sein kann, dennoch sind Texte von Menschen und kreativen Köpfen aus meiner Sicht nicht zu ersetzen.
Katharina Saler: Ich sehe die KI als Chance an. Für mich sind von Chat GPT oder anderen KIs erstellte Inhalte jedoch nur Vorschläge, die selbst präzisiert werden müssen. Es gilt stets, die Fakten, die die KI liefert, zu hinterfragen und dem Chat nicht blind zu vertrauen. Gerade was den persönlichen Schreibstil und Emotionen angeht, ist der Mensch in seiner Individualität der künstlichen Intelligenz überlegen.


VN: Inwieweit spielt die Literatur bzw. das Schreiben in Ihrem Leben bereits eine Rolle?
Simon Mentin: Ich schreibe schon seit meiner Kindheit. Schreiben ist für mich das Loslassen von Emotionen und Gedanken. Mir wurde auch in der Kindheit vorgelesen und wurden Geschichten erzählt. Vor allem liebte ich die „schöne“ Sprache und gereimte Texte. Gerade Märchen und Lyrik haben es mir angetan.
Katharina Saler: Ich lese sehr gerne Romane aller Art, seien es Fantasy-, Historien- oder Kriminalromane. Das war schon als Volksschülerin so. Das Schreiben bereitet mir ebenfalls viel Freude. Dabei spielt die Textgattung eigentlich eine untergeordnete Rolle. Ich habe sogar gerne Seminararbeiten geschrieben und arbeite zurzeit mit Begeisterung an meiner Masterarbeit. Außerdem möchte ich den Roman, an dem ich gerade arbeite, zu Ende schreiben und es mit einer Veröffentlichung zumindest zu versuchen.

Erika Kronabitter,  Initiatorin des Lyrikpreises.   <span class="copyright">Denise Kronabitter</span>
Erika Kronabitter, Initiatorin des Lyrikpreises. Denise Kronabitter

Die exakte Auflistung der Programmpunkte sowie Informationen sind auf www.saumarkt.at und www.feldkircherlyrikpreis.at zu finden. CRO

Zur Person:

Name: Simon Mentin

Alter: 31

Wohnort: Hard

Ausbildung: Bankkaufmann, aktuell Student an der PH Vorarlberg

Das Buch auf Ihrem Nachttisch: “Die Herzlichkeit der Vernunft” von Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge

Veröffentlichungen: Der letzte Marsch (Gedicht) in Bibliothek deutschsprachiger Gedichte ausgewählte Werke XXII

Hobbys: Fußball spielen, Schreiben, neue Dinge lernen

Zur Person:

Name: Katharina Saler

Alter: 23 Jahre

Wohnort: Nüziders

Ausbildung: Matura, BEd für Volksschullehramt, derzeit im Masterstudium für Primarstufe

Das Buch auf Ihrem Nachttisch: “Ulysses” von James Joyce

Hobbys: Lesen, Schreiben und Singen

Die Initiatorin des Lyrikpreises, Erika Kronabitter, ist auch Herausgeberin der Lyrik-anthologie “in einem zimmer sitzen das es nicht gibt”, erschienen im Verlag edition v. Die beiden Preisträgerinnen Sabine Göttel und Slata Roschal sind mit ihren Texten vertreten, aber auch die Autorin bzw. der Autor des Publikumspreises versteckt sich in den weiteren acht Gedichtzyklen.

Cover: Erika Kronabitter (Hg.), 21. Feldkircher Lyrikpreis, “in einem zimmer sitzen das es nicht gibt”, edition v, 120 Seiten

Programm:

Freitag, 24. November, 19 Uhr

Radio rosa – „Nicht von dieser Welt“

Mit Markus Köhle, Erika Kronabitter, Lydia Steinbacher und Josef Wagner. Radio rosa ist ein poetisches “Live-Radio-Projekt”

Freitag, 24. November, 20 Uhr

Das Chlebnikov Projekt

Ein Film von Chris Haderer nach einem Konzept und unter der Projektleitung von Alfred Woschitz

Samstag, 25. November, 16 Uhr Treffpunkt: Bahnhof Feldkirch

Literatur-Spaziergang mit Philipp Schöbi

Treffpunkt: Bahnhof Feldkirch

Samstag, 25. November, 18 Uhr

Absolutely: ChatGPT – Präsentation der Ergebnisse des Jugendwettbewerbs

Samstag, 25. November, 19 Uhr

Fest der Lyrik: Preisverleihung 2023

Sonntag, 26. November, 10.30 Uhr

Matinee: Einblicke in aktuelle Poesie

Raoul Eisele, Katharina Klein, Lea Menges, Siljarosa Schletterer und Jana Volkmann