Schubertiade-Finale: Das war der Hammer!

Kultur / 03.09.2023 • 16:40 Uhr
Der deutsche Pianist Igor Levit hat sich selbst übertroffen. <span class="copyright">JU</span>
Der deutsche Pianist Igor Levit hat sich selbst übertroffen. JU

Weltklasse-Pianist Igor Levit begeisterte das Publikum. Tags zuvor enttäuschte Sopranistin Louise Alder.

Fritz Jurmann

SCHWARZENBERG Es hätte wohl inhaltlich keinen überzeugenderen Schlusspunkt unter diesen Teil der Schubertiade geben können als Liszts einzige Klaviersonate, die Igor Levit am Samstag spätabends aus dem stabilen Steinway meißelte. Levit gilt als Inbegriff des Weltklasse-Pianisten, dem man bei einem Top-Festival unbesorgt ein solches Abenteuer anvertrauen kann. „Das war der Hammer!“, urteilten denn auch jüngere Besucher, vielen ist diese geballte, aber stets kontrollierte Kraftentfaltung und geistige Durchdringung wohl mehr unter die Haut gegangen als etwa das Mozart-Requiem. Der Jubel des vollen Saals kannte kaum Grenzen.

Der Jubel des vollen Saals kannte kaum Grenzen.
Der Jubel des vollen Saals kannte kaum Grenzen.

Damit hat der deutsche Pianist eigentlich auch sich selbst übertroffen, inklusive seines epochalen Beethoven-Klavierzyklus bei Auftritten seit 2011. Es ist zudem ein Faszinosum, dass Levit nicht nur Klavier spielt wie kaum ein Zweiter, sondern sich zudem auch als Vordenker in brennende Fragen unserer Zeit politisch einmischt und gern den Finger in die Wunden legt. Genauso faszinierend und unkonventionell hat er auch sein Programmkonzept angelegt, in einem weiten Spannungsfeld, das den Zuhörer mitnimmt in eine Art Hochschaubahn der Gefühle.   

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Am Beginn stehen sechs zum Tod Clara Schumanns entstandene Brahms-Choralvorspiele für Orgel in der Klavier-Bearbeitung durch Ferrucio Busoni, denen Levit mit einem Versteckspiel der Melodieführung im dicht gewobenen Klaviersatz besonderen Reiz abverlangt. Dann ein harter Bruch vom Religiösen zur Unterhaltung, mit verspielten Petitessen, die der Jazzpianist Fred Hersch für das Lucerne Festival und Levit mit viel Hintersinn komponierte, also etwa einen „Zwei-Minuten-Walzer“, der gar keiner ist, ein Stück für die linke Hand oder einen „Choro de Carnaval“ im Tangorhythmus. Das Publikum rätselt: Ist das nun alles ernst gemeint oder ein kleiner Scherz in der Abendstunde? Vielleicht auch einfach das, was man am Klavier „Die neue Einfachheit“ nennt? Wirklich ernst wird es danach mit bis auf die Spitze getriebenem Virtuosentum. Igor Levit im Element verbindet dazu bruchlos und auswendig die Klavierfassung des Vorspiels zu Wagners „Tristan und Isolde“ mit Liszts h-Moll-Sonate, bei der das Kopfthema über 30 Minuten immer wieder auftaucht, in hasardierenden Ausbrüchen, Aufschwüngen und Doppeloktavläufen ein schwer zu zähmender Koloss von unglaublicher Intensität.

Louise Alder hat ihre Stimme zu wenig unter Kontrolle.
Louise Alder hat ihre Stimme zu wenig unter Kontrolle.

Schon tags zuvor enttäuschte der von Joseph Middleton sorgfältig begleitete erste Solo-Liederabend der jungen britischen Sopranistin Louise Alder, die zwar akzentfrei Deutsch singt, aber ihre Stimme zu wenig unter Kontrolle hat, sie bei Schubert überspannt im Forte in höchste Lagen schraubt, unangenehm grell, mit wenig Körperstütze und Mittellage. Auch ein scheues Lächeln nach fast jedem Lied („War ich gut?“) reicht nicht, um das Publikum zu erreichen, weil es ihr zudem an Pianokultur mangelt und man das berühmte „Nacht und Träume“ hier schon weit besser hören konnte. Warum sich Alder auch an einer Mozart-Tenorkantate mit Freimaurer-Motiven (!) versucht, bleibt ein Rätsel. Es beweist immerhin, dass sie bei der Oper offenbar besser aufgehoben wäre als im Lied. Der Applaus bleibt dennoch matt.

Die junge Lustenauer Klarinettistin Clara Hofer tritt als Retterin in der Not auf den Plan.
Die junge Lustenauer Klarinettistin Clara Hofer tritt als Retterin in der Not auf den Plan.

Da tritt die junge Lustenauer Klarinettistin Clara Hofer als Retterin in der Not auf den Plan. Sie hat das Konzertfach an der Wiener Musikuni abgeschlossen und übernimmt in der beliebten Schubert-Szene „Der Hirt auf dem Felsen“ hoch motiviert den bukolischen Duett-Part, mit fein dosierten Echo-Passagen und sauber bis in die gefürchtete Stretta. Bei diesen Koloraturen fühlt sich nun auch Louise Alder wohler, der verdiente Beifall gilt allen drei Künstlern.

ORF-Sendetermin Liederabend Alder: 26. September, 14.05 Uhr, Ö1                    

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