Kraftvolle und fesselnde Darbietung

Kultur / 03.08.2023 • 21:00 Uhr
Musikalische Poesie in neuem Gewand: Schuberts "Die schöne Müllerin".  <span class="copyright">Bregenzer Festspiele/Bernd Uhlig (3)</span>
Musikalische Poesie in neuem Gewand: Schuberts "Die schöne Müllerin". Bregenzer Festspiele/Bernd Uhlig (3)

Unkonventionelle Neuinterpretation von Schuberts “Die schöne Müllerin”.

Bregenz Eine bemerkenswerte und gewagte Neuinterpretation von Franz Schuberts berühmtem Liederzyklus “Die schöne Müllerin” hat gestern Nachmittag im Festspielhaus Bregenz das Publikum fasziniert, herausgefordert und am Ende zu Standing Ovations animiert. Die Aufführung verband musikalische und visuelle Elemente zu einer eindringlichen Darstellung der tragischen Geschichte des Müllerburschen.

"Die schöne Müllerin" mit Nikolaus Habjan und Florian Boesch.
"Die schöne Müllerin" mit Nikolaus Habjan und Florian Boesch.

Die Kombination aus dem Bassbariton Florian Boesch, dem Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan sowie der experimentierfreudigen Musicbanda Franui aus Osttirol verlieh der Aufführung eine unkonventionelle und intensiv fesselnde Qualität. Die Bühne präsentierte sich in minimalistischem Design, bewusst beschränkt auf wenige Requisiten – einen Sessel, einen Tisch und eine auffällige weiße Säule, die die Puppe der Müllerin beherbergte. Diese schlichte Bühnenästhetik lenkte den Fokus auf die Darsteller und die Musik und schuf eine intime Atmosphäre; das eindrucksvolle Lichtdesign tat ein Übriges.

Die Musicbanda Franui begeisterte das Publikum. <span class="copyright"> Raffale Proell</span>
Die Musicbanda Franui begeisterte das Publikum. Raffale Proell

Bemerkenswert die musikalische Umsetzung des Liederzyklus durch die Musicbanda Franui. Die zehnköpfige Formation aus Innervillgraten in Osttirol interpretierte Schuberts Melodien auf erfrischend experimentelle Weise neu. Durch die kreative Kombination von Blechbläsern, Holzbläsern, Streichern und Schlagwerk entstand eine Klangvielfalt, die von sanften Klangschleiern bis hin zu energiegeladenen Zirkusklängen reichte. Die Neuinterpretation verlieh den vertrauten Melodien eine unerwartete neue Tiefe und Intensität. Franui integrierte in seine Interpretation der “Schönen Müllerin” ein thematisches Medley und eine Neubearbeitung eines Schubert-Walzers und verschmolz gekonnt Klassik, Volksmusik, Jazz und zeitgenössische Kammermusik zu einer erfrischenden kreativen Energie.

Die weiße Säule beherbergte die Puppe der Müllerin.
Die weiße Säule beherbergte die Puppe der Müllerin.

Florian Boesch brillierte in der Rolle des Müllerburschen. Seine außergewöhnliche stimmliche Virtuosität und seine innige emotionale Verbundenheit mit der Figur verliehen der Produktion eine starke Ausdruckskraft. Boesch, der auch körperlich eine imposante Erscheinung ist, beherrscht die Kunst, seinen kraftvollen Bariton in dunklen Nuancen schimmern zu lassen. Seine Stimme ist von so angenehmer Präsenz, dass man sich in ihr verlieren könnte. In dieser kühnen und wohltuend provozierenden dramatischen Interpretation gelang es dem Sänger souverän, die unverfälschte Melodie und den Text der Müllerin gegenüber den manchmal recht lauten Musikern zu verkörpern.

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Begleitet wurde Boesch von Nikolaus Habjan, der die Rolle des Müllerburschen als Marionettenfigur zum Leben erweckte. Die nur aus Maske und Oberkörper bestehende Figur strahlte eine anmutige, gespenstische Präsenz aus. Gleiches galt für die Geliebte, die mit blonder Haarperücke und langem weißem Kleid geisterhaft erschien. Der junge Müller wurde hier als lebensgroßer Torso dargestellt, von Habjan geführt und von Boesch klanglich veredelt. So entstand eine Art Avatar oder Körperfragment, dem die Zuschauer mit gebannter Aufmerksamkeit folgten und das eine dichte und zugleich anregend amüsante Gefühlserzählung hervorrief.

Die Beteiligten der Produktion "Die schöne Müllerin" konnten sich zu Recht feiern lassen.  <span class="copyright">Andreas Marte</span>
Die Beteiligten der Produktion "Die schöne Müllerin" konnten sich zu Recht feiern lassen. Andreas Marte

Insgesamt bot diese Neuinterpretation der “Schönen Müllerin” eine kreative und anspruchsvolle Perspektive auf ein klassisches Werk. Die Verbindung von Musik, Puppenspiel und Performance schuf eine einzigartige und fesselnde Atmosphäre, die das Publikum der Bregenzer Festspiele in ihren Bann zog. Die kluge Entscheidung, traditionelle Ansätze zu hinterfragen und innovative Elemente einzubringen, führte zu einem Konzert, das sowohl Kenner des Werkes von Franz Schubert als auch Menschen ansprach, die auf der Suche nach neuen künstlerischen Erfahrungen waren.