Verwüstete Welt trifft auf reichen Mann

Kultur / 25.07.2023 • 14:30 Uhr
In der neuen „Jedermann“-Inszenierung wird das Spiel vom Sterben des reichen Mannes in einer düsteren Zukunft verhandelt.   <span class="copyright">SF/Matthias Horn</span>
In der neuen „Jedermann“-Inszenierung wird das Spiel vom Sterben des reichen Mannes in einer düsteren Zukunft verhandelt. SF/Matthias Horn

Post-Apokalypse bringt neuen Anstrich für den Salzburger Jedermann.

Salzburg Die Entscheidung des Regisseurs Michael Sturminger, das Stück in eine postapokalyptische Welt zu verlegen, verleiht dem bekannten Werk eine neue Bedeutung und führt zu einer bemerkenswerten Aufführung. Die Fassade von Jedermanns Haus bildet eine Art Bollwerk, das als einziges Gebäude aus einer zerstörten Welt herausragt, davor erstreckt sich eine graubraune, erdige Landschaft mit Erdlöchern, aus denen bettelnde Menschen hervorkriechen. Die Tischgesellschaft wird sich hier, die unwirtliche Nicht-Natur negierend, zum Umtrunk niederlassen. Zum Picknick wird es nicht mehr kommen, denn zu diesem Zeitpunkt wird Jedermann bereits gestorben sein. Seine Zeit ist abgelaufen, nur hat es noch nicht jeder begriffen.

Positiv hervorzuheben sind die eindringliche Atmosphäre, die vielschichtige Charakterdarstellung und die musikalische Untermalung.   <span class="copyright">SF/Matthias Horn</span>
Positiv hervorzuheben sind die eindringliche Atmosphäre, die vielschichtige Charakterdarstellung und die musikalische Untermalung. SF/Matthias Horn

Michael Maertens spielt Jedermann anfangs verwundert und naiv angesichts dessen, was um ihn und mit ihm geschieht. Das Schicksal des Schuldknechts (Mirco Kreibich, der sich in den Mammon verwandeln wird) ist ihm ebenso egal wie die Mahnungen seiner Mutter (Nicole Heesters).

Klimaaktivisten sind Teil der Inszenierung.  <span class="copyright">SF/Matthias Horn</span>
Klimaaktivisten sind Teil der Inszenierung. SF/Matthias Horn

Mitten im Stück bricht Jedermann inmitten der Tischgesellschaft tot zusammen. Die Leute gehen wie unbeteiligt weg, lassen ihn einfach liegen. Eine Wiederbelebung ist nicht vorgesehen. Was nun folgt, der Aufmarsch der allegorischen Figuren, wird Jedermann quasi im transzendenten Seinszustand als rechten Albtraum wahrnehmen.

Die Geschichte wird in eine von Umweltzerstörung und sozialer Verelendung geprägte Welt verlegt.<span class="copyright">SF/Matthias Horn</span>
Die Geschichte wird in eine von Umweltzerstörung und sozialer Verelendung geprägte Welt verlegt.SF/Matthias Horn

Michael Maertens in der Rolle des Jedermann beweist einmal mehr sein unglaubliches Talent als einer der renommiertesten Schauspieler seiner Generation. Mit meisterhafter Beherrschung überzeugt er in jeder Szene. Maertens gelingt es, die inneren Konflikte und moralischen Kämpfe seiner Figur mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit darzustellen. Sein facettenreiches Spiel erweckt die Figur des reichen Mannes zum Leben und zieht das Publikum unmittelbar in sein Schicksal hinein. Interessant und passend ist, dass die Buhlschaft auch den Tod verkörpert. Valerie Pachner bleibt Jedermann gegenüber etwas distanziert. Das schließt Küsse und Umarmungen nicht aus, aber wenn es für ihn ernst wird, ist sie einfach weg. Als Tod wird sie den nabelfreien roten Hosenanzug gegen einen schwarzen getauscht haben, und erst dann umarmt sie ihn gleichsam bergend.

Die Buhlschaft wird von Valerie Pachner verkörpert.  <span class="copyright">SF/Matthias Horn</span>
Die Buhlschaft wird von Valerie Pachner verkörpert. SF/Matthias Horn

Ein ganz besonderes Highlight ist die wunderbare Nicole Heesters als Jedermanns Mutter. Mit ihrer kraftvollen Präsenz und außergewöhnlichen Ausdrucksstärke erweckt sie die alte Dame zum Leben. Ihre schauspielerische Leistung ist geprägt von einer tiefen emotionalen Verbundenheit mit der Figur, die zu einem ergreifenden Zusammenspiel mit Maertens führt. Auch Helmfried von Lüttichau als Jedermanns guter Gesell zeigt eine bemerkenswerte Leistung.

Jeder scheint blind für die Probleme seiner Umwelt und nur auf seinen persönlichen Reichtum bedacht.  <span class="copyright">SF/Matthias Horn</span>
Jeder scheint blind für die Probleme seiner Umwelt und nur auf seinen persönlichen Reichtum bedacht. SF/Matthias Horn

Die Entscheidung, Sarah Viktoria Frick sowohl Gott als auch den Teufel verkörpern zu lassen, erweist sich als Glücksfall. Ihr vielschichtiges Spiel und die Verkörperung der Figuren lassen die Gegensätze zwischen Gut und Böse deutlich hervortreten. Es ist ihrer großartigen schauspielerischen Leistung zu verdanken, dass ihr Teufel nicht ebenso ins Klamaukhafte abrutscht wie die unnötig überzeichneten Vettern, gespielt von Bruno Cathomas und Fridolin Sandmeyer.

Die Buhlschaft wird nicht als rein erotische Figur inszeniert, sondern erhält eine tiefere Dimension. <span class="copyright">SF/Matthias Horn</span>
Die Buhlschaft wird nicht als rein erotische Figur inszeniert, sondern erhält eine tiefere Dimension. SF/Matthias Horn

Dieser klamaukhafte Ansatz ist ein bedauerlicher Schwachpunkt in einer ansonsten überzeugenden Inszenierung. Sturminger lässt die beiden Schauspieler leider das Maß des Unterhaltsamen überschreiten und lenkt damit unnötig von der eindringlichen Atmosphäre und den vielschichtigen Charakterdarstellungen ab.

Maertens verleiht der Rolle eine interessante Note, indem er sie zunächst herablassend und beiläufig darstellt.  <span class="copyright">SF/Matthias Horn</span>
Maertens verleiht der Rolle eine interessante Note, indem er sie zunächst herablassend und beiläufig darstellt. SF/Matthias Horn

Anja Plaschg kann als Sängerin faszinieren, als Schauspielerin (Glaube) ist sie ein weiterer Schwachpunkt der Inszenierung.

Die Entscheidung, Sarah Viktoria Frick sowohl Gott als auch den Teufel verkörpern zu lassen, erweist sich als Glücksfall.  <span class="copyright">SF/Matthias Horn</span>
Die Entscheidung, Sarah Viktoria Frick sowohl Gott als auch den Teufel verkörpern zu lassen, erweist sich als Glücksfall. SF/Matthias Horn

Insgesamt verdient die Aufführung des Jedermann in Salzburg 2023 großes Lob. Die Schauspieler brillieren in ihren Rollen und geben dem traditionellen Stück eine zeitgemäße und mitreißende Interpretation. Regie, Bühnenbild und Musik runden das Gesamtbild dieser außergewöhnlichen Aufführung ab. Die Aufführung profitiert zudem von den musikalischen Kompositionen von Wolfgang Mitterer und dem Ensemble 021. Zu Recht gab es am Ende tosenden Applaus und viele Bravo-Rufe des begeisterten Publikums (Aufführung am 24. Juli).

Alle Darsteller der "Jedermann"-Produktion beim Schlussapplaus. <span class="copyright">Marco Borrelli</span>
Alle Darsteller der "Jedermann"-Produktion beim Schlussapplaus. Marco Borrelli