Eingang in den Dirigentenhimmel

Giuseppe Mengoli rettete für den erkrankten Omer Meir Wellber das 1. Orchesterkonzert.
Bregenz „Jetzt ist die Luft raus!“ dachten sich viele, als bekannt wurde, dass der populäre Dirigent Omer Meir Wellber die Leitung des 1. Orchesterkonzerts der Wiener Symphoniker am Montagabend im gut besetzten Festspielhaus erkrankt absagen musste. Ohne ihn war auch nicht an die geplante Uraufführung des Werkes „In Motion“ des israelischen Komponisten Ayal Adler zu denken. „Gott sei Dank!“ meinten die einen, die ohnedies nichts mit dem „neuen Zeugs“ am Hut haben und denen zeitgenössische Musik ein Gräuel bedeutet. Für die anderen ist damit das geplante Programm, in dem diese Uraufführung eine zentrale, aufrüttelnde Position eingenommen hätte, nur noch halb so viel wert, der Ersatz unter dem Motto „Business as usual“ eine Auswahl oft strapazierter klassisch-romantischer Konzertsaal-Routine, wie man sie gerade von den Symphonikern des Öfteren gehört hat.


Man kann es freilich auch positiv sehen, denn dieser Umstand bringt die Begegnung mit einem vifen jungen Dirigenten, dem 1993 geborenen Italiener Giuseppe Mengoli. Als ehemaliger Konzertmeister tauschte er erst 2018 den Geigenbogen mit dem Dirigentenstab und gewann gleich mehrere Wettbewerbe. Nun wagt er sich, mit wohl nur wenigen Verständigungsproben, risikofreudig ans Pult der Symphoniker. Ihn deswegen in der Ankündigung der Festspiele gleich als „jungen Star am internationalen Dirigentenhimmel“ zu bezeichnen, hilft dem jungen Maestro wenig, der im Gegenteil in seiner Bescheidenheit im Applaus immer zuerst einzelne Musiker und das ganze Orchester aufstehen lässt, bevor er sich selbst ins Rampenlicht stellt.

Regen aufs Dach
Es gibt genug Beispiele im Konzertleben, in denen Einspringer für berühmte Leute selbst Berühmtheit erlangten. Mengoli könnte so einer werden, wie er zunächst noch etwas ungestüm, aber mit viel Feingefühl Haydns späte „Oxford-Symphonie“ Nr. 92 in ihrer Schwerelosigkeit und Transparenz angeht. So differenziert im Piano, dass man im traumhaften Adagio, einem der schönsten langsamen Sätze Haydns, sogar den Starkregen durchhört, der in diesem Moment auf das Dach des Festspielhauses trommelt. Das hat alles klassisches Format, findet in einem musikantischen Geist auch im schlank besetzten Orchester seine Entsprechung.

Weniger überzeugend gelingen danach Brahms‘ Variationen über den bekannten „Chorale St. Antoni“ von Haydn, ein Stück, das für die Musiker längst zum „täglich Brot“ gehört. Doch der Dirigent weiß, vermutlich aus Gründen zu kurzer Probenzeit, gestalterisch wenig damit anzufangen, und so ziehen sich denn diese hübschen Einfälle ganz schön in die Länge, bis zum aufrauschenden Finale, das die Zuhörer aus ihrer Lethargie erlöst.

Breitwand-Tongemälde
Mit dem unverändert gebliebenen zweiten Teil des Programms freilich könnte dieser Giuseppe Mengoli Eingang in den Dirigentenhimmel finden. Die frühe Tondichtung „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss, ein Stück großer Programmmusik, das auch ideal dem heurigen Motto der Konzerte mit Werken um 1900 entspricht, bietet in ihrer glutvollen Brillanz und emotionalen Leidenschaftlichkeit für den Dirigenten und das hoch konzentriert mitfiebernde Orchester Gelegenheit zur Entwicklung von Kräften, Farben und Effekten. Konzertmeister Dalibor Karvay outet sich mit einem langen, beseelten Violinsolo, ein satter Wald von Streichern wird kontrastiert von einem groß besetzten, frechen Bläserapparat mit Ferntrompeten und einer fantastischen Horngruppe, dem Lieblingsinstrument des Komponisten, aus der sich Peter Dorfmayr mit einem tollen Solo schält. Damit entsteht aus diesem Orchesterporträt ein großartiges Breitwand-Tongemälde, das diesen Namen auch wirklich verdient: in den spektakulären Höhepunkten mit einem Höllenlärm, dabei klar durchgestylt, den Spannungsbogen über 50 Minuten haltend, so sehr, dass die Zuhörer beinahe aufs Atmen vergessen. Der junge Maestro hat damit seine Chancen gewahrt.
FRITZ JURMANN
Bregenzer Festspiele:
30. Juli, 11.00 Uhr, Festspielhaus – 2. Orchesterkonzert der Wiener Symphoniker, Dirigent Dirk Kaftan, Marlis Petersen, Sopran (Charles Ives, Richard Strauss, Florence Price)