Turm der Narren und Lüste

Paul Renner und sein Fotograf Christian Schramm rocken das vorarlberg museum.
Bregenz „Cuccagna“ (zu deutsch Schlaraffenland), so nennen sich die meterhohen „Fress/Lebensmitteltürme“, die im Neapel des 18. Jahrhunderts auf öffentlichen Plätzen aufgerichtet wurden, u. a. auf der heute sogenannten Piazza del Plebiscito.

In einem kollektiven Exzess plünderten Menschenmassen den riesigen Aufbau, vollgehängt mit Würsten, Speckschwarten, Gemüse, aber auch mit Tieren, die darauf angenagelt waren. So manch einer verlor bei dieser „Schlacht ums kalte Buffett“ sein Leben. Zum Amüsement der Mächtigen, die als Sponsoren und Gönner dieser „Fresstürme“ auftraten. Sie machten sich lustig über ihr Volk, das meist Hunger litt. Brot und Spiele auch im 18. Jahrhundert. In sicherer Entfernung auf einem ihrer Balkone delektierten sie sich an dieser mörderischen Plünderung.

Als einer der Ersten beschreibt einer der berüchtigsten Schriftsteller aller Zeiten, Donatien Alphonse François, Comte de Sade, besser bekannt als Marquis de Sade, in seinem „Voyage d’Italie“ (Tagebuch seiner Italienreise) eine „Cuccagna“, „das allerbarbarischste Spektakel der Welt“.

Renners Cuccagna ist nicht mehr mit allerlei Essbarem behangen, obwohl Lebensmittel für ihn auch Gestaltungsmittel darstellen, Renners Aufbau gleicht einem Turm oder einer Rakete, die sich, 10 Meter hoch, im Atrium des Museums „gen Himmel erhebt“. Überzogen sind die vergoldeten Mehrschichtplatten mit Dammar, einem hellen klaren Baumharz, dass die Cuccagna honigfarbenen schimmern lässt. Appliziert sind getrocknete und sterilisierte Lebensmittel, Samen und Blüten. Eine Augenweide.

Ein vergoldeter Flügel (auch in Vorarlberg gibt es vergoldete Flügel) steht Renners Cuccagna zur Seite bzw. stellt eine Art Gehäuse für die sich darin befindenden Behälter aus Muranoglas, die der „Rakete“ den Treibstoff zuliefern, damit sie eines Tages ihren Flug in die unendlichen Weiten des Universums antreten kann. Kunstwerke für sich sind die im Atrium zu sehenden Fotografien von Christian Schramm, der alle Cuccagnas von Renner dokumentiert hat: von Neapel über Brixen bis nach Lech. Auch Ausdruck einer Freundschaft – Renner und Schramm arbeiten seit 20 Jahren zusammen.

Hemmungslosigkeit und Grenzüberschreitung sind auch Merkmale der Kunst von Paul Renner. Das Orgiastische, Frivole, Subversive, der Rausch und die Ekstase – all das fasziniert den Künstler Paul Renner, der einst Assistent des Aktionskünstlers Herman Nitsch war. Hingewiesen sei noch auf den wunderbaren Katalog mit einem ausführlichen Interview von Paul Renner und Ute Pfanner. THS
L’albero della cuccagna
Der Künstler und sein Fotograf
Paul Renner & Christian Schramm
Eröffnung: 14.7., 17 Uhr
www.vorarlbergmuseum.at





