Malerei mit Suchtgefahr

Einer der wichtigsten Maler des 21. Jahrhunderts wird im Kunsthaus Bregenz präsentiert.
Bregenz Man könnte den britisch-kenianischen Maler, der 1984 in Nairobi geboren wurde, durchaus als legitimen Erben der klassischen europäischen Historienmalerei des 18. bzw. 19. Jahrhunderts betrachten, seine Sujets sind seinem näheren Um- und Lebensfeld entnommen, großartige Kompositionen von Landschaften und Menschen, von magischen Ritualen und Alltäglichem.
Zeigte Théodore Géricault in seinem berühmten Gemälde „Das Floß der Medusa“ den skandalösen Vorfall aus dem Jahr 1816 auf, durch die Unfähigkeit eines Kapitäns konnten von 149 Menschen, die auf einem Floß tagelang ohne Nahrung und Wasser auf hoher See dahinvegetierten, nur 15 gerettet werden, so zeigt Michael Armitage Historienbilder der Gegenwart, beispielsweise seine Arbeit „The Fourth Estate” (Der vierte Stand) eine politische Kundgebung, bei der Armitage selbst dabei war; Demonstranten haben sich im Geäst eines Baumes zusammengefunden, auf einer Fahne ist ein Frosch erkennbar, im Hintergrund taucht die Skyline von Nairobi auf. Eine Analogie zu Goyas „Lächerliche Torheit“ (1815-19) drängt sich auf. War hier eine Fotografie die Grundlage für dieses Gemälde, war es bei Géricault das persönliche Gespräch mit dem Schiffsarzt Henri Savigny, der die Katastrophe überlebte.
Dokumentarische Ästhetik
Beiden Bildern liegt eine Tatsache zugrunde, und beide haben daraus eine dokumentarische Ästhetik entwickelt, allerdings spielt bei Armitage nicht mehr der Gestus der Anklage die erste Rolle, vielmehr sind bei Armitage raffinierte, vielleicht auch ironische, aber auch rätselhafte Formen dokumentarischer Kunst beobachtbar. Beide Bilder, sowohl das von Géricault wie das von Armitage entwickeln, je länger an sie betrachtet, eine enorme Sogwirkung. Die Komposition, die Farben, die Tiefe erzeugen Suchtgefahr! Man könnte unzählige Analogien zu alten Meistern der europäischen Malerei und ihren Meisterwerken aufzählen, Tizian, Velasquez, Goya, Delacroix, Gericault, Gauguin, auch Schiele und Kitaj. Aber dies alles greift zu kurz.
Armitages Bilder atmen die überquellende Farbskala des afrikanischen Kontinents aus, die Gelassenheit, die wir Europäer oftmals aus Ignoranz, als Faulheit und Nichtstun verurteilen, das Pathetische tiefverwurzelter Rituale. Daneben endlose Weite, das Licht Afrikas, die Tier- und Pflanzenwelt. „My subjects are located in East Africa“, so Michael Armitage, der ein ökonomischer Maler ist, nicht mehr als drei bis vier großformatige Arbeiten pro Jahr. Ein weiterer Faktor und eine Besonderheit ist der Bildträger, den Armitage für seine Gemälde verwendet. „Lubugo“ nennt sich das Material, die Rinde des ugandischen Feigenbaums, die abgezogen wird, anschließend gebrannt und geglättet. In einem aufwändigen Prozess verwandelt sich das harte organische Material in einen weichen, spannbaren Stoff. Armitage vernäht die Fragmente zu großen Formaten. Die Nähte bleiben unter der Malschicht sichtbar. Die Narben des afrikanischen Kontinents sind vielzählig und tief, Stichwort: Kolonialmächte.
Präsenz und Kraft
„Pathos and twilight of the idle” ist nicht nur der Titel der Ausstellung, sondern auch der Titel eines Werks von 2019, Hochformat, über drei Meter, eine unglaubliche Präsenz und Kraft ausstrahlend. Das Bild entstand nach einer Kundgebung der größten kenianischen Oppositionspartei 2017 in Nairobi. Einige der abgebildeten Demonstranten sind grotesk verkleidet, tragen Kostüme, Perücken oder Kronen. Eine Person schwingt eine Fahne („Die Freiheit führt das Volk“) und die muskulöse Figur in der Mitte trägt ein helles Bikini-Oberteil, in ihren Händen sandfarbene Schleudern, Waagschalen gleich, analog dem unerbittlichen Seelenwäger, dem Erzengel Michael („Gott kennt die Seinen“). Tränengasdosen hängen an seinem/ihrem Körper, bereit zuzuschlagen, bereit für den Kampf, unbeschadet aller Opfer. „Menschen interessieren mich mehr als Führer“, sagt Armitage. Davon sprechen seine Bilder. Brillant.


Kunsthaus Bregenz, Michael Armitage, Pathos and the Twilight of the Idle, Eröffnung: 14. Juli, 19 Uhr, bis 29.10.2023, www.kunsthaus-bregenz.at