Eine Geschichte vom Weggehen

Hubert Lampert zeigt in der Villa Falkenhorst eine umfassende Werkschau.
Thüringen Abseits des herkömmlichen Ausstellungsgetöses gibt es in diesem Land immer wieder Perlen, Glanzstücke, Kostbarkeiten von schlichter Schönheit zu entdecken. So jüngst die Präsentation von vier Werkreihen des Götzner Künstlers Hubert Lampert, die in und um die Villa Falkenhorst gezeigt werden. Auf die Frage, ob dies wirklich „Das letzte Mal“ sei, so der Titel der Ausstellung, antwortete Hubert Lampert etwas verschmitzt, „zum letzten Mal eine so große konzeptuelle Sache“ (Einladungen zu Ausstellungen sind davon selbstverständlich ausgenommen).

1000 Fußabdrücke
Am Vorplatz von Falkenhorst empfangen den Besucher die 1000 Fußabdrücke aus Beton umfassende Land-Art-Arbeit „Vestigia Petere“ (den Spuren nachgehen), die einen geschwungenen Pfad nachahmen, der abrupt bei der Heckenbegrenzung des Parks endet. 1000 Fußabdrücke, 500 Menschen – Flüchtlinge, denn das Konzept entstand im Hinblick auf die Flüchtlingsthematik; namenlose Individuen, die einem Strom gleich durch die Landschaft ziehen. Bilder von Flüchtlingsströmen, die wir wöchentlich über unsere Fernsehmonitore zu sehen bekommen. Einheitsgröße, formschön, pflegeleicht, beständig – die Eigenschaft von Gussbeton. Der Park selbst wurde ja von einem fremdländischen Schotten namens John Douglass angelegt. Daneben wird hiermit aber auch das universelle „Ur-Thema der Wanderung“, das immer in Bewegung sein, aufgegriffen.


Nach Ende der Ausstellung sollen diese 1000 Fußabdrücke zu Steinhaufen auf-geschichtet werden – kleinen Grabhügeln gleich. Aber selbst nach ihrem Abbau bleiben sie wie ein „Schatten der Skulptur“ als Nachbild im Rasen und werden noch lange die Geschichte dieses Sommers und vieler vorangegangener und auch zukünftiger Sommer erzählen.

Die Welt von A bis Z
Lamperts Installation „Der Reigen“ besteht aus Jesus-Figuren (Erstkommunions-Kreuze), ihres Kreuzholzes beraubt, kreisrund angeordnet, schwebend hängen sie wie ein Mobile von der Decke des Pavillons im Park. Der leiseste Windhauch setzt diese „Freihänger“ in Bewegung. Aus widrigsten Umständen freigeschwommen.

In der dritten Komponente seiner Werkreihe, Lampert benennt sie „temporis spatium linea“ (Linie – Raum – Zeit), verlässt er in seiner „Abschiedslinie“, (so der Arbeitstitel) das Prinzip der Geraden, wechselt zu gebogenen, verschlungenen Linien und postuliert die Bewegung im Raum als konstante Gegebenheit. „Sein“, wie Lampert sagt, „letzter raumgreifender Versuch einer Objektivierung von Form und Zustand, an dessen Ende möglicherweise der Tod steht.”

Einer Kunst- und Wunderkammer gleich die vierte Werkreihe „Die Welt von A bis Z“. Objekte, Bilder und Skulpturen aus den letzten vier Jahrzehnten chronologisch geordnet. Lieblingsstück: „Lydia DeLoy oder eine Künstlerin sucht den Volltrottel“ (2016). 18 Mausefallen, entsichert, bereit zuzuschlagen, wenn sich jemand an der „goldenen Versuchung“ (vergoldete Kieselsteine) gütlich tun sollte. Oder „Einzelgänger“ (2014), die der Arbeit „Aufstand der verlorenen Formen“ entstammen. Aus Birnenholz gefertigte und mit Feuer oberflächengehärtete Skulpturen. Die Oxymoron-Portrait-Serie ist mit Ingeborg & Ingo Springenschmid (2005) sowie Stephan Alfare & Peter Teufl (2005) vertreten. Die Fibonacci-Stelen, deren größte, die Brückenskulptur „Do.Helix“ (2016, Sägerbrücke), im öffentlichen Raum in Dornbirn steht, als auch die frühen Arbeiten wie die Stahlskulptur „Der Denker“ (1988) oder „Variable Stahl-Skulptur“ (1978), sind eigentlich Klangskulpturen. Hubert Lampert: „Es waren damals schwierige Zeiten für mich, ich steckte in der Fabrik fest und wusste nicht, wie ich da rauskommen sollte. Schließlich hat mich die Kunst gerettet.“
Blumenegger Skulpturenpark Villa Falkenhorst
Hubert Lampert – Das Letzte Mal
bis 27. August 2023