Glitzernde Verführung, tödliche Abgründe

Monira Al Qadiri präsentiert im Kunsthaus Bregenz die Ausstellung „Mutant Passages“.
Bregenz Die Beatles sangen einmal davon, wie schön es wäre, einmal am Meeresboden in einem schattigen Garten eines Oktopus (Octopus’s Garden) zu sein, sich dort auszuruhen und sich sicher und glücklich fühlen. Mitnichten, wie uns die Künstlerin Monira Al Qadiri mit ihren neuesten Arbeiten, die alle einzig für die derzeitige Ausstellung im Kunsthaus konzipiert wurden, aufzeigt.

Al Qadiri nimmt uns auf eine Reise mit, die in erster Linie mit ihrer Sozialisation zu tun hat. Geboren 1983 im Senegal und in Kuwait aufgewachsen, lebt und arbeitet sie in Berlin. Ihre Kindheitserinnerungen sind sehr stark vom und durch das Öl geprägt, vor allem durch den 2. Golfkrieg (1990), als sämtliche Ölfelder in Flammen standen und sich der Himmel über Kuwait wochenlang verdunkelte.



Eine ausgefeilte und stimmige Dramaturgie des Aufbaus erwartet den Besucher in der Ausstellung. Im Foyer wird man von überdimensionalen knallig-farbenen aufblasbaren Objekten begrüßt, die im Raum schweben. Die in stark vergrößerte Skulpturen gebrachten Molekularstrukturen von Propangas, Naphthalin, Penzol und anderen petrochemischen Substanzen, schimmern in allen denkbaren Spektralfarben. Wir kennen diese Regenbogenfarben von Benzin oder Diesel, wenn sie als Film auf Wasser schwimmen und durch darauf treffendes Licht alle Farben widerspiegeln.



„Wie eine glänzende Perle täuscht der schillernde Glanz des Öls das Auge und lockt die Betrachter mit dem Versprechen von Macht … die glitzernde Verführung, die Reichtum verheißt, ist flüchtig und blendet uns“, schreibt Al Qadiri. Schon lange bevor das Öl in Kuwait und den Arabischen Emiraten entdeckt wurde, war die Perlenfischerei (dort arbeiteten auch Moniras Vorfahren) das Lebenselixier und wichtigste Einnahmequelle dieser Staaten.
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Im ersten Obergeschoss sind ebenfalls großformatige, farbenprächtige und sich drehende Skulpturen zu sehen, die auf den ersten Blick wie technoide Außerirdische erscheinen. Tatsächlich handelt es sich um industrielle Objekte, um Bohrköpfe in verschiedensten Ausformungen.



Auf dem Weg in das 2. Geschoss begegnen wir einer Installation aus Leuchtobjekten. Bullaugen eines Schiffs, in denen die SS Murex zu sehen ist, der erste moderne Öltanker der Welt, benannt nach der stacheligen Schneckengattung. Welch Ironie. Die Tanker zählen zu den Hauptverschmutzern der maritimen Tier- und Pflanzenwelt (siehe Exxon Valdez oder Atlantic Empress).
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Ein paar Schritte weiter trifft man auf zwei von der Decke hängende, gespiegelte rötliche Schneckengehäuse, die miteinander kommunizieren. Man erinnert sich an Filme wie „Findet Nemo“ oder „Shorty“, doch die Wirklichkeit belehrt uns eines Besseren. Der rötliche Biozid-Farbstoff Tributylzinn, bekannt als TBT, schützt Öltanker vor Algen, Seepocken und Muscheln. Andererseits verursacht TBT jedoch bizarre Veränderungen bei den Meeresbewohnern, u. a. führt es dazu, dass weibliche Purpurschnecken männliche Geschlechtsmerkmale entwickeln, dies führt zum Aussterben ganzer Schneckenpopulationen.




Und last but not least das 3. Obergeschoss. Verschiedene Vögel aus massivem Glas, in tödliches, pechschwarzes Öl getränkt, liegen verteilt über dem weißen Boden. Die Arbeit trägt den Titel „Onus“, was so viel wie Last oder Verpflichtung bedeutet. Monira Al Qadiri, selbst Zeugin einer der katastrophalsten durch den Golfkrieg verursachten Umweltverschmutzungen in ihrem Land Kuwait, hatte die Pflicht, nachdem sich Fotos der ölverschmierten Tiere im Ausland verbreiteten und man dies gemeinhin für einen Fake hielt, zu beweisen, was tatsächlich geschehen war. Aber auch, um die Fragilität des menschlichen Erinnerungsvermögens zu thematisieren. Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
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Die Ausstellung ist vom dramaturgischen Aufbau sowie von den gezeigten Arbeiten und ihrer Präsentation ein „Glanzstück“, eine danteske Reise, nur umgekehrt, beginnend mit dem in allen Farben schillernden Paradies über wundersame Objekte und sprechende Stachelschneckengehäuse straight to hell, ins Inferno, zu Tod und qualvollem Sterben, in all seiner Schönheit. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern subtil und verspielter Gelassenheit, um mit Picasso zu sprechen: „Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen lässt.“
THS/AMA
Monira Al Qadiri
Mutant Passages
Eröffnung: 21.04.2023, 19.00 Uhr
22. April bis 2. Juli 2023