Veränderung an der Kunst
An Kunst im öffentlichen Raum gewöhnt man sich, es besteht die Gefahr, dass man das Bild so weit im Kopf hat, dass man ohne weitere Beachtung vorbeiläuft. Allerdings: Ergibt sich an diesem Kunstwerk eine Veränderung, auch nur eine ganz kleine, dann fällt das auf, dann bleibt man stehen, schaut sich das genauer an. Umso mehr, wenn die Arbeit, in diesem Fall die bildhauerische Arbeit, in ihrem Eindruck völlig verändert wird. Das ist vor einigen Tagen am Platz vor dem Bregenzer Festspielhaus mit der Skulptur „Ready Maid“ von Gottfried Bechtold geschehen. Oft laufe ich über diesen Platz, manchmal bleibe ich vor Bechtolds Arbeit stehen, schau sie mir wieder an, freue mich immer wieder an dieser „goldenen Gabel“, von der der Künstler gesagt hat, sie gleiche einem „Baum, der aussieht wie eine nackte Frau“. Die Skulptur gibt dem Platz Charakter, sie macht ihn eigentlich erst zum Platz.
Vor einigen Tagen ging ich wieder vorbei, meine Gedanken waren irgendwo anders – doch plötzlich störte etwas. Ich musste genauer schauen. Natürlich: Die golden glänzende „Ready Maid“ glänzte nicht mehr, sie erweckte im Gegenteil den Eindruck, als hätte man die Bronzeskulptur durch eine aus Birkenstämmen ersetzt. Ich sah mir das genauer an und konnte feststellen, dass die Skulptur mit textilen Bändern eingewickelt wurde. Ich hatte nichts von einer Aktion – und nur um eine solche konnte es sich handeln – mitbekommen, war deshalb etwas ungehalten über diesen Eingriff in ein mir lieb gewordenes Kunstwerk. Noch dazu schien es mir als altem Verehrer der Verhüllungen von Christo und Jeanne-Claude ein ziemlich banales Zitat dieser großen Künstler.
„Bei mir hat diese Veränderung der ,Ready Maid‘ nichts von alldem ausgelöst, kein Statement für die Freiheit und die der Kunst, schon gar keine Rebellion.“
Ich versuchte also, mich schlauzumachen, sah einen etwas kleinen QR-Code auf der veränderten Skulptur, der aber so weit im Wasser stand, dass er seinen Sinn nicht erfüllte. Dann fand ich eine Notiz im Internet, die mir erklärte, dass der Künstler Rudolf tanabu Nachbaur Bechtolds Skulptur für zehn Tage (wer sie sehen will, hat also nur noch dieses Wochenende Zeit) mit naturgebleichten Stoffbandagen verhüllt hat. Es gibt auch eine Erklärung dazu: „Wie Phönix aus der Asche steigen die Bänder im Wind empor in den Himmel. Sozusagen ein Aufruf für die Freiheit und Freiheit für die Kunst. Eine beginnende Reise, ein Zeichen für Rebellion und Wut der jungen Kultur.“ Das Ganze hat auch einen Namen: „Ladder to Heaven“ soll Menschen dazu bringen, in den Himmel zu schauen und zu träumen.
Bei mir hat diese Veränderung der „Ready Maid“ nichts von alldem ausgelöst, kein Statement für die Freiheit und die der Kunst, schon gar keine Rebellion, nicht einmal in den Himmel habe ich geschaut. Ich hab mir nur gedacht: Zum Glück geht das alles nicht lang – und dann steht da wieder die gewohnte, geschätzte Arbeit von Gottfried Bechtold.
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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