Wenn es keine Mütter und Väter mehr gibt

Kultur / 21.03.2023 • 20:39 Uhr

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury beschreibt eine dystopische Welt, in der die Arbeit des Feuerwehrmannes Guy Montag darin besteht, Bücher zu verbrennen anstatt Brände zu löschen. Kapitän Beatty, Montags Vorgesetzter, rechtfertigt dem zweifelnden Montag gegenüber die Bücherverbrennung als Glücksrettung der Gesellschaft, denn das Lesen von Bücher führe zu asozialem Verhalten, zur Destabilierung der Gesellschaft und zu emotionalen Problemen. Nur durch deren Beseitigung und Bestrafung derjenigen, die trotz Verbot noch lesen, könne Ruhe und Frieden für die Gesellschaft erzielt werden. So mögen , erklärt Beatty, farbige Leute „Little Black Sambo“ nicht. Weiße Menschen hingegen fühlen sich nicht gut bei „Onkel Toms Hütte“. Seine Devise zur Glücksrettung lautet daher in einer Gesellschaft, in der selbstständiges Denken als gefährlich gilt: „Verbrennen“. Die Verbannung und Zerstörung von Literatur, Kunst und Kultur wird dabei nicht von oben her erzwungen. Sie entsteht durch einen stetig wachsende gesellschaftliche Ablehnung von abweichenden, anderen und kritischen Meinungen, ja von Dialektik,Ironie und Intellektualität. Ihr Resultat ist eine totalitäre Gesellschaft staatlicher Zensur und Gewalt, eine vordergründig ideale Welt, in der alle Bürger gleichgestellt sind und sich keine Minderheit diskriminiert fühlt.Soweit sind wir Gottseidank noch nicht. Aber von einer Welt, in der Literatur abgeändert und zensuriert wird, weil sie dem Zeitgeist nicht zugemutet werden kann, ist es nicht mehr weit, Literatur als Ganzes unter den Generalverdacht der Unmoral zu stellen und dem Feuer zu übergeben.Neuestes Opfer der moraltrunkenen Jakobiner des Wokismus und deren Säuberungsaktionen sind die Romane von Roald Dahl.

So darf Augustus Gloop im mehrfach verfilmten Buch „Charlie and the Chocolate Factory“ nicht mehr „enormously fat“, sondern nur noch „enormous“ sein. Nur kein Bodyshaming! Väter und Mütter werden ebenfalls aus dem Text getilgt, mit den geschlechtslosen Eltern werden mögliche Irritationen der LGBTQ Community im Keim erstickt. Die Farbe weiß wird in der neuen Fassung durch blass ersetzt oder gleich gestrichen. Die Nennung der Farben Schwarz und Weiß ein neues Tabu. Selbstredend, dass Mathilda nichts mehr mit dem bösen Imperialisten Rudyard Kipling und Indien zu schaffen hat, sondern Jane Austen auf ihrem Landsitz besucht. Gesundes Landleben statt postkolonialer Debatte, Frau statt Mann, und schon ist die Welt gerettet. Laut „The Telegraph“ wurden mehr als hundert den jungen Lesern nicht zumutbare Stellen des Buches „entgiftet“, um der politisch korrekten neuen Empfindsamkeit zu genügen. Noch löst das Vorgehen von Puffin Books in der Literaturwelt Protest aus. Roald Dahl sei kein Engel gewesen, schrieb Salman Rushdie , aber was man mit seinen Büchern anstelle, sei „absurde Zensur“. Salman Rusdie weiß, wohin das führt. Ihn hätte der Wokismus einer fanatisierten religiösen Welt fast das Leben gekostet.

PS: Im Übrigen wurde der Rassismus nicht durch die Bannung des Wortes Rasse aus der Welt geschafft.

„Im übrigen wurde der Rassismus nicht durch die Bannung des Wortes Rasse aus der Welt geschafft.“

Gerald Matt

gerald.matt@vn.at

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.