Lesen, um leben zu lernen

Der Briefwechsel Bachmann – Frisch ist ein Lehrstück für Mutige.
Berlin Wie kann etwas, das so schlechte Voraussetzungen mitbringt, so gut ausschauen? 1958 begegnen sich Max Frisch (1911–1991) und Ingeborg Bachmann (1926–1973) in Paris. Ein Coup de foudre erfasst sie. Vier Jahre später, in der Neujahrsnacht 1962/1963 kommt – brieflich natürlich – das Aus, die große, die allergrößte Ernüchterung. Wie gesagt, der Blitz war hell, die Voraussetzungen miserabel. Nicht nur der leicht grenzwertige Altersunterschied, der Alkoholmissbrauch des familiär gebundenen, etablierten Schriftstellers Max Frisch, nicht nur die Medikamentenabhängigkeit des liebeshungrigen, vom Erfolg überraschten, soll man sagen: übermannten Shootingstars Ingeborg Bachmann trugen das Ihre zum Fiasko bei.
So oder so, der Versuch, der Liebe freien Lauf zu lassen, scheitert grandios und dramatisch. Frisch düst, frisch verliebt in die 28 Jahre jüngere Marianne Oellers, spätere Frau Frisch (von 1968–1979), nach New York, Bachmann rückt in die nächstbeste Klinik ein: zur Abtreibung, zur Routineoperation, zum Entzug? Vielerlei Spekulationen ranken sich um die Geschichte. Viele Möchtegerneingeweihte reden über jahrzehntelang mit und drein, bringen diese und jene Parteilichkeit, Voreingenommenheit, Befangenheit ins böse Spiel, das darin besteht, den Täter Frisch zu brandmarken, das Opfer Bachmann zu schützen, wo es schon lange nichts mehr zu brandmarken und noch weniger zu schützen gibt. Jetzt lässt der Suhrkamp Verlag die beiden Opponenten, Kontrahenten, Protagonisten: Liebenden?!, auf Hunderten gründlich kommentierten Seiten selbst zu Wort kommen. Der, wenn nicht von der Welt, so doch von der Community lange erwartete Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Max Frisch ist erschienen.
Individuelle Tragik
Als große Literatur wurde er bereits bezeichnet, dem ist zuzustimmen. Briefe waren in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren etwas völlig anderes als Social-Media-Nachrichten heute; es sind im günstigen wie im vorliegenden Fall eben literarische, dem Denken, dem Glück, der Verzweiflung in oft stunden- und nächtelanger Arbeit am Wort und an der Emotion abgerungene Dokumente, Protokolle, Traktate.
Ob das Unternehmen des Verlags ganz im Interesse der beiden Autoren liegt, ist angesichts heutiger digitaler Gepflogenheiten eine etwas fadenscheinige Frage. Dass Ingeborg Bachmann ihre Briefe vernichtet haben wollte, und Max Frisch eitel an ihnen gehangen hat, ist ein eigenes Kapitel. „Wir haben es nicht gut gemacht“, wie der Band betitelt ist, wird nicht die Welt umkrempeln, retten schon gar nicht. Darum ist es zum Glück nicht zu tun. Aber er zeigt zwei Menschen, zwei bei all ihrer individuellen Tragik und Geschichte exemplarische Menschen.
Damit sind diese Briefe nichts weniger als ein Spiegel, in dem zu lesen und sich selbst gespiegelt zu sehen jede Leserin und jeder Leser aufgefordert ist. Man liest diese Briefe nicht, um auf irgendwen zu zeigen, moralinsaure Urteile oder die Genderpeitsche auszupacken und erst recht nicht, um sich behaglich im eigenen Gutmenschentum zu suhlen, nein, sondern um die Conditio humana zu studieren, nebst einer wichtigen Lektion in Zeit- und Sittengeschichte. Dieser Briefwechsel ist, dies nun ganz im Sinne der Verfasser, ein Werk der Aufklärung, und er ist, wenn überhaupt, eine Aufforderung, es besser zu machen, denn: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
Peter Natter
Ingeborg Bachmann, Max Frisch: Wir haben es nicht gut gemacht. Der Briefwechsel. Piper Suhrkamp, 2022, 1039 Seiten