Die Pforte spielte “Heute kein Forellenquintett”

Kultur / 18.12.2022 • 17:50 Uhr
Die Musiker des
Die Musiker des “Ensemble Louise Farrenc” wussten auch als begabte Darsteller das Publikum gut zu unterhalten. KENICHI KAWABATA

Hörens- und sehenswerte Konzerttheaterproduktion im Theater KOSMOS.

BREGENZ Am 15. und 16. Dezember gastierte die Pforte erstmals im Bregenzer Theater KOSMOS. Auf dem Programm stand das Konzerttheater „Heute kein Forellenquintett“, bei dem die Musiker sowohl als Instrumentalisten als auch als Pantomimen auftraten.

Nachdem das Stück coronabedingt im vergangenen Jahr als Videostream aufgeführt wurde, präsentierte das Ensemble Louise Farrenc die Produktion unter der Regie von Lionel Ménard erstmals live vor Publikum. Das 2020 gegründete Ensemble setzt sich aus den Musikern Mayumi Kanagawa (Violine), Klaus Christa (Viola), Mathias Johansen (Violoncello), Dominik Wagner (Kontrabass) und Katya Apekisheva (Klavier) zusammen.

Was ist aus unserem Leben jenseits von Mobiltelefonen, Computern und dem Internet geworden? Diese Frage stellt Lionel Ménard in der Konzerttheaterproduktion. Hier werden die Einsamkeit und Angst sicht- und spürbar, die uns als Folge eines zu stark digitalisierten Alltags überwältigt, gleichzeitig erhalten wir aber auch eine Ahnung dessen, was die Menschen dazu veranlasst.

Der Inhalt selbst ist schnell erzählt: Der Hausmeister eines Wiener Zinshauses, genauer gesagt des Geburtshauses von Franz Schubert, hat sich zum Ziel gesetzt, die Bewohner seines Hauses aus der Einsamkeit zu befreien. Durch geheime Interventionen bringt er seine Mieter dazu, wieder an soziale Kontakte und Begegnungen zu denken. Schlussendlich gelingt es ihm tatsächlich, alle miteinander zusammenzubringen. Sie beschließen, gemeinsam ein Quintett von Louise Farrenc, einer nahezu vergessenen französischen Komponistin, die der Hausmeister neben Schubert sehr schätzt und die Adressatin vieler imaginärer Briefe von ihm ist, statt des Forellenquintetts zu spielen. Lionel Ménard und Klaus Christa entwickelten gemeinsam zwölf Szenen, die wie bei einem Theaterstück miteinander verwoben sind und als finaler Höhepunkt in der kompletten Aufführung des Farrenc-Klavierquintetts münden. Die Musiker sind dabei – durchaus überraschend – als überaus begabte pantomimische Darsteller zu bewundern, musikalisch spielen alle ohnehin auf sehr hohem Niveau und der ungewöhnliche, aber sehr unterhaltsame Abend bereitet großes Vergnügen. Zu hören waren Werke von Franz Schubert, Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Giovanni Bottesini, Reinhold Glière, Sergei Prokofiev, Sofia Gubaidulina und Louise Farrenc.

Lionel Ménard, enger Vertrauter von Marcel Marceau bis zu dessen Tod und europaweit angesehener Pantomime-Regisseur, hat mit Klaus Christa, dem künstlerischen Leiter der Pforte, eine beeindruckende, sehens- wie hörenswerte Produktion entwickelt. Den feinen, oft melancholischen Humor mit der zauberhaften Musik unter die Melone des Pantomime-Theaters zu bringen, schien Klaus Christa der ideale Weg, sich diesem Thema zu nähern. „Für mich als regelmäßigen Busfahrer ist es ein eindrucksvolles und gleichzeitig beunruhigendes Bild, wenn sich zum Beispiel im Bus vier Menschen gegenübersitzen und ununterbrochen in ihre Handys starren.“

Ménard schloss sich nach dem Tod Marceaus für einige Jahre Philippe Genty an, bevor er seine eigenen Produktionen zu entwickeln und selbstständig als Pantomime-Regisseur zu arbeiten begann. Zahlreiche erfolgreiche Produktionen waren seither auf Europas Bühnen zu sehen, unter anderem in der Philharmonie Luxembourg, im Wiener Konzerthaus oder im Leipziger Gewandhaus.

Der Titel der Produktion „Heute kein Forellenquintett“ weist übrigens auf die Berufung des Ensembles Louise Farrenc hin, das die Musik von Komponistinnen der letzten 200 Jahre wieder zugänglich machen will. Das großartige Klavierquintett op. 30 von Louise Farrenc ist das erste Werk, das die Besetzung von Franz Schuberts Forellenquintett aufgreift. VN-AMA

HEUTE KEIN FORELLENQUINTETT

Ensemble Louise Farrenc

Mayumi Kanagawa Violine

Klaus Christa Viola

Mathias Johansen Violoncello

Dominik Wagner Kontrabass

Katya Apekisheva Klavier

 

Lionel Ménard Regie

Lionel Ménard, Klaus Christa & Andreas Feuerstein Buch

Klaus Christa Idee