„Ablehnung wurde oft auf Kinder übertragen“

Kultur / 11.12.2022 • 18:25 Uhr
Guerrini lud ehemalige „Besatzungskinder“ zu Gesprächen ein.
Guerrini lud ehemalige „Besatzungskinder“ zu Gesprächen ein.

Flavia Guerrini stellt ihr Buch „Vom Feind ein Kind. Nachkommen alliierter Soldaten erzählen“ in Feldkirch vor.

FELDKIRCH Neuere Schätzungen gehen davon aus, dass in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg 30.000 Kinder zur Welt kamen, deren Väter den in Österreich stationierten alliierten Streitkräften angehörten. Die Innsbrucker Erziehungs- und Sozialwissenschaftlerin Flavia Guerrini lud neun ehemalige „Besatzungskinder“ zu Gesprächen ein. Ergebnis dieser narrativen Interviews sind ausführliche biografische Erzählungen, die den Kern des Buches „Vom Feind ein Kind. Nachkommen alliierter Soldaten erzählen“ ausmachen.

 

Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen?

Guerrini Es war bei einer Archivrecherche im Vorarlberger Landesarchiv, als ich erstmals auf das Thema gestoßen bin: In einer Fallakte des Jugendamtes ging es um das Kind eines vermutlich in Deutschland stationierten afroamerikanischen Soldaten, das in einer Vorarlberger Pflegefamilie aufwuchs. Die Fürsorgerin beschrieb nach ihren Hausbesuchen ganz erstaunt, dass das Kind in der Familie liebevoll aufgenommen worden war (damals keine Selbstverständlichkeit) und die Pflegeeltern das Kind gleich wie die „eigenen“ behandelten, obwohl es sich sichtbar von der Mehrheitsgesellschaft unterschied. Da entstanden bei mir viele Fragen und ich fand heraus, dass es vor allem in Westösterreich bisher wenig Auseinandersetzung mit dem Thema gab.

 

Wie unterschiedlich sind die Geschichten der Zeitzeugen?

Guerrini Prinzipiell kamen zwischen alliierten Soldaten und Frauen in Österreich alle Arten von intimen Beziehungen zustande: kürzere wie längere Liebesbeziehungen oder Liebschaften, einmalige sexuelle Begegnungen, unterschiedliche Arten von Arrangements und Prostitution, aber auch gewalttätige Übergriffe. Meine Interviewpartner haben alle von einvernehmlichen kürzeren oder (selten) etwas längeren Beziehungen ihrer leiblichen Eltern berichtet, manchen hatte die Mutter erzählt, dass es ihre große Liebe gewesen sei. Ein Interviewpartner hat sich aufgrund der Ablehnung, die ihm seine Mutter entgegenbrachte, Gedanken über ihren Kontakt zu seinem Vater gemacht. Später erfuhr er jedoch, dass er seinen Vornamen trägt und hat daraus geschlossen, dass es zumindest zu Beginn die Absicht gab, seinen Vater in guter Erinnerung zu behalten.

 

Wie entwickelten sich die Beziehungen von Vätern und Kindern? Lassen sich hier „Muster“ beschreiben?

Guerrini In den allermeisten Fällen gab es keine Möglichkeit, dass sich eine Beziehung entwickeln konnte. Wenn der Militäradministration bekannt wurde, dass aus einer Beziehung zu einer Frau in Österreich eine Schwangerschaft entstanden war, wurden viele Soldaten noch vor der Geburt oder kurze Zeit danach verlegt oder abberufen. Nur eine meiner Interview­partner hat mir erzählt, dass ihre Eltern bis kurz vor ihrem zweiten Geburtstag gemeinsam mit ihr als Familie lebten und sie ist die einzige der neun, die ein Foto von sich und ihrem Vater besitzt.

 

Wie war die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Kinder?

Guerrini Beziehungen und sexuelle Kontakte zwischen Frauen und alliierten Soldaten wurden von einem größeren Teil der österreichischen Bevölkerung nicht gerne gesehen und diese Ablehnung wurde oft auf Kinder, die daraus entstanden, übertragen. Diskriminierung und Ausgrenzung aufgrund ihrer Herkunft, aber auch aufgrund des Status als Kind einer ledigen Mutter war in der Nachkriegszeit nicht selten. Wenn Kinder selbst nicht über ihre väterliche Herkunft Bescheid wussten, dann führte das oft zu großen Verunsicherungen. Eine besonders starke und vermutlich die lebensgeschichtlich nachhaltigste Beeinträchtigung war es, wenn Ablehnung oder Stigmatisierung von Familienmitgliedern und insbesondere der Mutter ausging. VN-AMA

Feierlichkeiten zu ihren Nationalfeiertagen waren wichtige Anlässe für die Angehörigen der alliierten Truppen. ÖNB
Feierlichkeiten zu ihren Nationalfeiertagen waren wichtige Anlässe für die Angehörigen der alliierten Truppen. ÖNB

Buchpräsentation und Diskussion, 12. Dezember, 19.30 Uhr, Theater am Saumarkt