Ein kostbares Fenster in die Vergangenheit

Kultur / 15.07.2022 • 20:00 Uhr
Kuratorin Ines Agostinelli und eine Skulptur von Wolfgang Häusler. <span class="copyright">VN/PAulitsch</span>
Kuratorin Ines Agostinelli und eine Skulptur von Wolfgang Häusler. VN/PAulitsch

Sommerausstellung im Künstlerhaus lässt den Spirit der Randspiele wieder aufleben.

Bregenz Vor 50 Jahren, im Jahr 1972, hat sich eine Gruppe junger Menschen zu den “Vorarlberger Kulturproduzenten” zusammengeschlossen, um in Eigenregie ein Programm für ihre Generation auf die Beine zu stellen. Damit konnten sie das realisieren, was ihnen im offiziellen Kulturprogramm gefehlt hat. Entstanden sind die Randspiele, ein Festival mit Kunst, Musik, Literatur sowie hochpolitischem Theater, Film und Kabarett, das in Vorarlberg eine neue Ära eingeläutet hat.

“Es war eine Auflehnung gegen die Hochkultur, sie empfanden Vorarlberg als eng, friedhofsruhig und erzkonservativ”, erklärt Kulturstadtrat Michael Rauth. Ein Großteil der damals gezeigten Kunst und Musik sei heute weltberühmt und genauso zeitgemäß wie vor 50 Jahren. In der Sommerausstellung “Randspiele. Erinnerungen an einen kulturellen Aufbruch” im Künstlerhaus Palais Thurn & Taxis begegnet man Namen wie Chick Corea, Jan Garbarek oder Friedrich Gulda sowie Vorarlberger Größen wie Gottfried Bechtold, Wolfgang Häusler, Michael Köhlmeier oder Monika Helfer, die alle Teil der Randspiele waren.

Unübersehbarer Blickfang ist eine Reproduktion des "Babbelplast"-Ballons von Klaus Göhling.
Unübersehbarer Blickfang ist eine Reproduktion des "Babbelplast"-Ballons von Klaus Göhling.

Die Ausstellung erzählt die Geschichte des legendären Festivals und begibt sich auf Spurensuche, an der Historiker Kurt Greußing und Grafiker Reinhold Luger wesentlich beteiligt waren. “Die Randspiele stellten ein Symbol für den Aufbruch Vorarlbergs in eine neue Zeit dar. Dabei ging es aber um weit mehr als nur die Kultur, nämlich auch um die Freiheit”, sagt Kuratorin Ines Agostinelli. In ihrem eigenen künstlerischen Beitrag sammelte sie Erinnerungen von damals beteiligten Künstlern, die auf himbeerroten Täfelchen in den Ausstellungsräumlichkeiten hängen. “Wenn man liest, dass das Highlight im Mai für die jungen Leute früher die Maiandacht war, weiß man ungefähr, wie die Situation damals war”, führt die Kuratorin aus.

Man habe versucht, in der aus den bekannten Gründen kurzen Vorbereitungszeit den Spirit und die Atmosphäre aufleben zu lassen. Einen wichtigen Bestandteil der Ausstellung bildet daher die Musik. Eine Soundinstallation im Freien etwa spielt einen Original-Konzertmitschnitt aus dem Jahr 1973 vom Gebhardsberg mit Jazzmusiker Wolfgang Dauner. Möglich gemacht habe das der Musikproduzent Manfred Eicher aus Lindau, der bereits 1969 mit ECM eines der angesehensten Plattenlabels gegründet hatte. Einblicke in die Randspiele geben neben den musikalischen Installationen auch Fernsehbeiträge oder Radiomitschnitte an Hörstationen, die Agostinelli als kostbares Fenster in die Vergangenheit bezeichnet.

Mitschnitte von Originalveranstaltungen und Lesungen gibt es auch im Dachgeschoss zu hören, wo man sich den Themen Literatur und Theater widmet. Zu erleben sind auch Zeichnungen von Tone Fink, Kurzfilme von Gottfried Bechtold sowie Fotografien und Kleiderplastiken von Wolfgang Häusler, die damals in den Seeanlagen und in der Kaiserstraße installiert waren. “Skulpturen, die enormen Anfeindungen ausgesetzt waren, weil das Publikum zu dieser Zeit keine Erfahrungen mit Kunst im öffentlichen Raum hatte”, erläutert Agostinelli. Unübersehbarer Blickfang ist eine Reproduktion des “Babbelplast”-Ballons von Klaus Göhling. Fotos aus dem Jahr 1974 zeigen, wie das Objekt durch die Kaiserstraße rollt und in der Aktion mit den Menschen zum Kunstwerk geworden ist.

In einem umfangreichen Rahmenprogramm mit Podiumsgesprächen, Lesungen und Führungen kommen Persönlichkeiten zu Wort, die die Randspiele maßgeblich mitgeprägt haben. Die Ausstellung will aber nicht nur zurückblicken, sondern auch Fragen zur Gegenwart und Zukunft stellen. Diskutiert werden soll etwa darüber, an welchen Rändern wir heute spielen und ob gar eine Wiederbelebung möglich ist.

Ausstellung “Randspiele. Erinnerungen an einen kulturellen Aufbrauch”: 17. Juli bis 4. September 2022 im Künstlerhaus Palais Thurn & Taxis in Bregenz