Hier gibt es Futter für die Leber und fürs Hirn

Mit „Abfall, Bergland, Cäsar“ beschließt das Vorarlberger Landestheater die Saison grandios.
Bregenz „Wir reden über Kunst, das sieht man doch“, lautete das Motto der Spielzeit am Vorarlberger Landestheater. Dass es dabei ums Leben geht und die Funktion des Theaters, versteht sich. Womit beschließt man eine solche Spielzeit? Ja, mit einem Werk von Werner Schwab, das nicht seinem rauf- und runtergespielten Dramenrepertoire entstammt, sondern als Prosatext etwas weniger Beachtung fand, obwohl sich in „Abfall, Bergland, Cäsar“ das subsumiert, was den Schwab’schen Werkkosmos ausmacht. Von „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ über die allerorts bekannten „Präsidentinnen“ oder „Mein Hundemund“ seziert der Autor menschliche Verhaltensweisen bis zu jenem Unerbittlichen, vor dem, um in Österreich zu bleiben, nur noch Elfriede Jelinek nicht Halt macht.

„Abfall, Bergland, Cäsar“ bot dem Landestheater somit die Möglichkeit, nicht das Schauspiel an sich zu fokussieren, sondern, siehe Jahresmotto, eine Installation aus Text, Musik und bildender Kunst. Das Ergebnis der Regie- und Ausstattungsarbeit von Stephanie Geiger und des Musikers und Videokünstlers FM Einheit (Frank Martin Strauß) ist grandios, denn es dokumentiert in erster Linie die Aktualität von Werner Schwabs Schaffen. Der Grazer Autor hatte in den 1980er-Jahren als bildender Künstler so weit reüssiert, dass von ihm Notiz genommen wurde. Die ersten Dramen waren ob der erwähnten Thematik und der kreierten Sprache, einer eigens entwickelten Syntax, die weit entfernt war von den Thomas-Bernhard-Imitationen einiger der damaligen Jungautorinnen und Autoren, relativ rasch ein Erfolg. Die Empörung der Konservativen und das Ergötzen der liberal Gesinnten, die sich offenbar nicht angesprochen fühlten, war für den Kulturbetrieb ein günstiges und enorm effektives Werbemittel. Es erzeugte jedoch enormen Druck: Werner Schwab (geb. im Februar 1958) schmiss in wenigen Jahren eine Anzahl von Stücken raus, für die andere ein halbes Leben brauchen, und starb am Neujahrstag 1994.
Typologien
„Abfall, Bergland, Cäsar“, ein Prosatext, erklärt sich als Aneinanderreihung von Typologien, wie sie in der Literatur eine jahrhundertelange Tradition haben. Dass sich Schwabs Figuren, meist eine toxische Paarung aus Selbstgefälligkeit, Dummheit und Narzissmus, irgendwie selbst ums Eck bringen, spielt man am besten so, wie es Stephanie Geiger verlangt, nämlich unaufgeregt und trotzdem alles andere als farblos. Für das Bregenzer Kornmarkttheater, in dem das Vorarlberger Landestheater haust, hat Geiger eine hügelige Projektionsfläche in den Zuschauerraum gebaut (was für eine Metapher!), auf der sich Flora, Fauna und allerlei assoziationsreiche Flüssigkeiten ausmachen lassen. Vivienne Causemann und Nico Raschner begeistern in der vielfältigen Art, in der sich in den gespielten Passagen gut überlegte Distanz befolgen lässt. Videoeinspielungen mit der Schauspielerin Jennifer Minetti (gest. 2011), die in einigen Schwab-Uraufführungen mitwirkte, sowie die Stimme des Autors entsprechen dem Maß des Artifiziellen, das es einzuhalten gilt, wenn man nicht in Schwab-Klischees waten will.

Übrigens: Es spielt keine Rolle, wenn das Schwabische, das heißt die Sprache des Künstlers, dazu führt, dass man nicht immer am Ball bleiben kann. Seine Bilder, wie die der Inszenierung sind so stark, dass man immer wieder zurückfindet.
Der Ort, an dem das Publikum sitzt, als grindiges Wirtshaus mit Jagdtrophäen, Hochprozentigem und kitschigen Lampen zu gestalten, hat etwas irritiert. Schwab hat das Unzulängliche nicht nur dort, sondern auch im designten Ambiente der Bildungsbürger ausgemacht. Das ist aber nur ein winziger Einwand und vielleicht auch nur eine Geschmacksfrage. „Abfall, Bergland, Cäsar“ regt die Sinne an und ist viel Futter fürs Hirn.

Nächste Aufführung am 12. Juni, 19.30 Uhr, im Vorarlberger Landestheater am Bregenzer Kornmarkt. Weitere Aufführungen bis 23. Juni: landestheater.org
