Tobias Grabher versammelt die Elite der jungen Musikerinnen und Musiker

Kultur / 11.04.2022 • 23:00 Uhr
Tobias Grabher versammelt die Elite der jungen Musikerinnen und Musiker
Tobias Grabher: “Junge Musiker müssen oft lange auf die Gelegenheiten warten, ihr Können einzubringen.” Stiplovsek

Mit seiner Camerata Musica Reno startet der angehende Maestro Tobias Grabher das dritte Musiktheaterprojekt.

BREGENZ Mit seiner Idee hat er die Szene belebt. Tobias Grabher will mit der jüngsten Generation von top ausgebildeten Musikern im Land die Musikliteratur des 20. Jahrhunderts erobern, verknüpft mit weiteren Sparten der Kunst, damit praktische Erfahrungen im Musikbetrieb vertiefen und das Repertoire erweitern.

Strawinskys „Geschichte vom Soldaten” als erstes Projekt mit Ihrer Camerata Musica Reno vor einem Jahr hat in der Musikszene fasziniert. Hatten Sie diese Reaktion erwartet?
GRABHER Die Euphorie für unser frisch gegründetes Kammerorchester hätten wir uns zuvor nicht auszumalen getraut. Wir haben uns gewissenhaft auf unser Debüt vorbereitet und sind im Nachhinein überglücklich, dass wir den Erwartungen gerecht werden konnten. Es war eine anspornende Belohnung, von Publikum wie Presse bescheinigt zu bekommen, mit unserem Engagement eine Lücke in der Vorarlberger Orchesterlandschaft zu füllen: selten gespielte und herausfordernde Orchesterwerke, interpretiert von einer hochmotivierten Besetzung aus jungen Leuten der Region.

Da kommt ein erst 24-jähriger Dirigent mit seinem eben gegründeten Ensemble, dessen Musiker fast alle noch jünger sind als er selber, und setzt neue Maßstäbe. Man war erstaunt.
GRABHER Junge Musiker müssen oft lange auf die Gelegenheiten warten, ihr Können einzubringen. Dabei gibt es in Vorarlberg eine Fülle an fabelhaften Jungmusikern, denen Gehör geschenkt werden sollte. Ich freue mich enorm, mit der Gründung unseres Kammerorchesters eine Auswahl dieser jungen Spitzenmusiker zu einem Klangkörper zu bündeln, was ermöglicht, dass wir Werke realisieren können, an die sich ansonsten nur Profiorchester wagen.

Wie hoch sind die Anforderungen an die Musiker, nach welchen Gesichtspunkten werden sie ausgewählt?
GRABHER Neben einer profunden Beherrschung ihrer Instrumente ist mir vor allem ein zuverlässiger und kollegialer Umgang wichtig. Unser Orchester ist eine innovative Plattform, in dem die Musiker verschiedene Interpretationsansätze ausprobieren können. Dafür braucht es eine gewisse musikalische Experimentierfreude.

Tobias Grabher: "Die Anzahl der Konzertproduktionen pro Jahr wollen wir mittelfristig ausbauen." <span class="copyright">Ruth Bruckner</span>
Tobias Grabher: "Die Anzahl der Konzertproduktionen pro Jahr wollen wir mittelfristig ausbauen." Ruth Bruckner

Hat sich inzwischen so etwas wie ein Stammensemble herausgebildet, oder verlangt das Repertoire immer neue Varianten?
GRABHER Es spricht für die Orchesterarbeit, dass in den bevorstehenden Konzerten nahezu alle Orchestermusiker bereits zuvor in der Camerata mitgewirkt haben. Klar gibt zuallererst das Repertoire vor, wie sich die Besetzung zusammensetzt. Dennoch hat sich nach den bisherigen zwei Produktionen ein Teamgeist entwickelt, der über die einzelnen Projekte hinausgeht.

Sind Sie als Dirigent einer, der verbissen bis zur letzten Perfektion probt, oder bleibt da noch Spielraum für Freiheit der Entfaltung jedes einzelnen Musikers?
GRABHER Akribie ist je nach Werk und Situation auf ganz unterschiedliche Weisen gefragt. An manchen Stellen muss der Dirigent das Tutti-Orchester mit klaren Vorgaben anleiten, an anderen ist der Spielraum für individuelle Freiheiten etwas, was die Musik unbedingt braucht, um lebendig zu werden.

Es gibt ja nicht wenige Orchester im Land. Worin sollte sich Ihre Camerata Musica Reno von diesen unterscheiden?
GRABHER Wir sind ein Kammerorchester, das von und für junge Musiker organisiert ist. Neben Studierenden vom Landeskonservatorium versammelt es auch viele Instrumentalisten, die in Vorarlberg aufgewachsen sind und in ihren weiter entfernten Studierstädten schon mit einem Fuß im professionellen Musikbetrieb stehen. Wir wollen außerdem Werke auf die Bühne bringen, die selten gespielt werden, den Orchestermitgliedern ein spannendes Experimentierfeld bieten und in Kombination mit außermusikalischen Elementen dem Publikum anregende Konzerterlebnisse bescheren.

Das Theater Kosmos war von Anfang an der Stammsitz für Ihr Orchesterprojekt, fühlen Sie sich dort weiter gut aufgehoben?
GRABHER Die Zusammenarbeit mit dem Theater Kosmos ist ausgezeichnet. Ich bin dankbar, dass die beiden Direktoren Hubert Dragaschnig und Augustin Jagg von Anfang an den Wert unserer Unternehmung gesehen und unterstützt haben. Gerade unsere mit Schauspiel und rezitierter Literatur angereicherten Konzertformate sprechen neben Liebhabern von klassischer Musik auch das theaterinteressierte Publikum an. Das Theater Kosmos ist ein perfekter Ort für das Aufeinandertreffen dieser beiden Welten.

Was kann man sich von Ihrem dritten Projekt erwarten?
GRABHER Vielseitige Musik von Paul Hindemith steht auf dem Programm. Neben der Kammermusik No. 1, die dem Komponisten den Beinamen „Bürgerschreck“ beschert hat, wird der im Vergleich dazu zahmere „Schwanendreher“, ein Konzert für Viola und Kammerorchester, zu hören sein. Solist dieses Abends wird der fantastische Bratschist Fridolin Schöbi sein. Dazu gesellen sich noch die „Drei Anekdoten für Radio“. Diese Gebrauchsmusik ist für die damals noch unsensible Aufnahmetechnik fast humoristisch überzeichnet und garantiert ein abwechslungsreiches Konzerterlebnis. Zwischen den Werken untermalen Texte von und über Hindemith den Konzertabend, rezitiert von Augustin Jagg.

Haben Sie schon weitere Pläne, eventuell eine Aufstockung des Ensembles, Tourneen, Erweiterung der Aufführungsorte im Kopf?
GRABHER Die Anzahl der Konzertproduktionen pro Jahr wollen wir mittelfristig ausbauen. Dafür sind wir mit weiteren Co-Veranstaltern im Austausch und auch eine Konzertreise kommt nach Abklingen der Pandemie infrage. Bis dahin ist das oberste Ziel, unsere sprühende Begeisterung in den bevorstehenden Konzerten mit dem Publikum zu teilen.

TOBIAS GRABHER

Geboren 1997 in Bregenz, wohnt in Altach und Wien

AUSBILDUNG Diplomstudien in Posaune und Orchesterdirigieren an der Musikuniversität Wien, Basisstudium am Landeskonservatorium, tonart-Musikschule Mittleres Rheintal

TÄTIGKEIT Gründer und Leiter der Camerata Musica Reno, Dirigent verschiedener Vokalensembles, Renaissancequartett enco, ehemals Mitwirkender im Tetrapol Posaunenquartett, Jugendsinfonieorchester Mittleres Rheintal, Bregenzer Festspielchor und Landesjugendchor Voices

„Paul Hindemith – Bürgerschreck und Bewahrer“ – Camerata Musica Reno, Leitung Tobias Grabher, Rezitation Augustin Jagg, 16. April, 20 Uhr, 17. April, 18 Uhr, 18. April, 20 Uhr, Bregenz, Theater Kosmos