Katharina kommt endlich heim

Kultur / 23.03.2022 • 09:00 Uhr
Katharina kommt endlich heim
Sabine Grohs, die Urenkelin von Katharina Wiederin, hat einen seltenen Familienschatz zusammengetragen. VN/Stiplovsek

Die Wanderausstellung “Lange Heimkehr” erzählt in der Vorarlberger Museumswelt die Geschichte einer mutigen Frau.

FRASTANZ Katharina Wiederin, 1874 in Frastanz geboren, hat im Jahr 1900 in Tschagguns ihr eigenes Hutgeschäft eröffnet: ein mutiger Schritt für eine 26-jährige ledige Frau einfacher Herkunft vor mehr als 120 Jahren. Als sie das Geschäft nach fünf Jahren schließen musste, wunderten sich wenige, schließlich war sie ja doch „nur eine Frau“. Für Katharina war die Schande groß. So lässt sich erklären, dass die Frastanzerin 1908 wieder all ihren weiblichen Mut zusammennahm und nach Maisons d´Alfort in der Nähe von Paris auswanderte. Wiederin wollte mehr vom Leben. Noch im selben Jahr heiratete sie Otto Dönz, einen Montafoner, der vor der Jahrhundertwende ausgewandert war und es schon zum Bauunternehmer gebracht hatte. Das Paar bekam drei Söhne, bevor es 1914 anlässlich des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges in Frankreich interniert wurde. In der französischen Gefangenschaft wurde das vierte Kind, eine Tochter, geboren. Erst nach fünf Jahren durfte die Familie nach Vitry in ihr geplündertes Haus und zu ihrer verlassenen Firma zurückkehren.

Der älteste und schönste Brief von Katharina vom 31. 12. 1895 an ihre Mutter.  <span class="copyright">grohs</span>
Der älteste und schönste Brief von Katharina vom 31. 12. 1895 an ihre Mutter. grohs

Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf Katharinas Heimkehr nach Österreich 1939. Als der Zweite Weltkrieg dräute, wollte die Familie einer neuerlichen Internierung entgehen und kam zurück ins Montafon, ohne jedoch die Verbindungen zu Frankreich abzubrechen. Ein Sohn optierte für Frankreich, um Haus und Geschäft in Vitry zu halten, und musste im Zweiten Weltkrieg auf französischer Seite kämpfenr. Katharina hielt mit ihrer Korrespondenz die Familie zusammen, erlebte das Ende des Krieges und die Wiedervereinigung der in ganz Europa verstreuten Familie aber nicht mehr. Jetzt ist Katharina mit der Ausstellung „Lange Heimkehr“ endgültig in ihre Heimat Frastanz zurückgekehrt.

Ein seltener Familienschatz

Dir Urenkelin von Katharina, Sabine Grohs, hat schon als Kind jedes handgeschriebene Schriftstück, jedes französische Dokument, jedes alte Foto aus dem Haus ihrer Großeltern – ihr Großvater war der zweite Sohn von Katharina – an sich genommen und akribisch verwaltet. Was sie zusammentrug, ist ein sehr seltener Familienschatz: an die 300 Briefe und Postkarten, drei mit Dokumenten prallgefüllte Ordner, unzählige Fotos und Artefakte von Katharinas Ohrringen über alte Pariser Stadtpläne bis zum Soldbuch ihres Großvaters verarbeitete sie zu ihrem Roman „Dönz. So weit man weiß“. Die mündlich überlieferten Geschichten ihres Großvaters und seiner Geschwister ließ sie genauso in den Roman einfließen wie alte Zeitungsartikel und ihre eigenen historischen Recherchen zu den jeweiligen Zeiten und Orten der Familiengeschichte. Der Schlinser Historiker Dieter Petras, den Grohs um Hilfe bei ihren Recherchen bat, regte an, den Dönz´schen Familienschatz in einer Ausstellung zu zeigen. „Lange Heimkehr“ wurden letzten Herbst in Thüringen gezeigt und als Wanderausstellung konzipiert.

Katharina, ihre Tochter Marie Louise und der jüngste Sohn, Erwin Jean, ca. 1941. <span class="copyright">grohs</span>
Katharina, ihre Tochter Marie Louise und der jüngste Sohn, Erwin Jean, ca. 1941. grohs

Eine Ausstellung für alle Sinne

Die Lebensgeschichte der Katharina Dönz, geb. Wiederin, wird in klassischen Tafeln mit Fotos und Texten erzählt. Auf einem langen Tisch sind zudem die historischen Meilensteine des Weltgeschehens ihrer Zeit dargestellt und mit Katharinas Leben in Verbindung gebracht. „Der Zuschauer soll sie in die Hand nehmen, selbst entziffern, deuten und vergleichen“, erklärt Dieter Petras die Idee. „Ganz ähnlich, wie ich mir die die Geschichte für den Roman erarbeitet habe“, sagt Grohs. An einer Audiostation sind ausgewählte Brieftexte aus Katharinas Korrespondenz zu hören, und viele originale Briefe und Dokumente laden zum Selberlesen und Vergleichen ein.  „Dass Katharina mit der zweiten Station von „Lange Heimkehr“, der Vorarlberger Museumswelt Frastanz, nun sogar tatsächlich in ihren Geburtsort heimkommt, berührt mich besonders. Ich betrachte das als Geschenk der heutigen Zeit für meine mutige Urahna“, sagt Sabine Grohs. Monika Bischof

 „Lange Heimkehr – vom Schaffen und Machen einer mutigen Frau“ in der Vorarlberger Museumswelt Frastanz, bis 30. Juni jeden Mittwoch und Samstag von 13 bis 17 Uhr, Führungen jederzeit möglich