Helmut Binder spielt Musik „zwischen den Zeiten“

Helmut Binder fand in Herz-Jesu wieder die rechte Mischung zum Jahreswechsel.
BREGENZ Wenn des alten Jahres Stunden sich neigen, greift Helmut Binder mit schöner Regelmäßigkeit in der Pfarrkirche Herz-Jesu in die Tasten seiner ehrwürdigen Behmann-Orgel, spielt Musik „zwischen den Zeiten“, wie man die Tage um den Jahreswechsel gerne nennt. Im abgedunkelten Kirchenschiff mit den beiden erleuchteten Christbäumen in der Apsis verbinden sich auf diese Weise Raum, Zeit und Klang zu einem ganzheitlichen Erlebnis. Das Stammpublikum aus dem ganzen Land hat diesem besonderen Ereignis trotz des unwirtlichen Wetters auch diesmal die Treue gehalten, und die riesige Kirche war so voll besetzt mit begeisterten Zuhörern, wie sie eben angesichts der geltenden Corona-Auflagen sein durfte.
Helmut Binder ist seit fast 40 Jahren Hauptorganist in Herz-Jesu, seit 2010 Professor für Orgel am Landeskonservatorium. Er hat erst kürzlich an „seiner“ Orgel den 60. Geburtstag musikalisch begangen und ging auch mit demselben jugendlichen Ansporn, bei dem sich keinerlei bloße Routine breitmacht, an seine Orgel-Weihnacht. Er spielte heuer einige zuvor noch nie gehörte Orgelwerke, vorwiegend aus der französisch-deutschen sinfonisch-romantischen Literatur, wie sie ihm die historische Orgel mit ihren 61 Registern vorgegeben und er zu seinem Kernrepertoire gemacht hat. Und er freut sich natürlich darüber, dass man vor einem Jahr die 90-jährige, etwas anfällige „alte Dame“ durch die Firma Rieger technisch und klanglich restauriert und mit einer elektronischen Setzeranlage als Spielhilfe für den Organisten ausgestattet hat. So strahlt das Instrument nun wieder wie neu, auch im erhalten gebliebenen, kostbar schimmernden Glanz seines Klanges.

Binder versteht es in seiner Programmierung auch diesmal meisterhaft, in einer Mischung aus nachweihnachtlichem Innehalten und der zwanghaften Fröhlichkeit, wie sie die Menschen zu Silvester gerne befällt, jene fast mystische Stimmung zu schaffen, die die Zuhörer über eine Stunde lang gefangen hält. Er weiß um die Wirkung dieser Klänge im halligen Kirchenraum, entgeht aber auch bewusst einer emotionalen Überfrachtung: „Eine Stunde reine Weihnachtsmusik hält kein Mensch aus!“ So setzt er gleich an den Beginn ein virtuos aufrauschendes „Offertoire“ von Alexandre Boely, verbindet in dessen kurzen neun Préludes gekonnt Bach’sche Strenge mit französischem Laissez-faire, um sich dann zwei gewichtigen Sätzen aus der Orgelsonate F-Dur von Alexandre Guilmant zu widmen. Ein harmloses „Tempo di Minuetto“ entpuppt sich als komplexe Arbeit von höchsten virtuosen Ansprüchen, denen Binder imponierend gerecht wird. Die Entspannung folgt in einem „Cantabile“, in dem er seine beliebten verschleierten Schwebeklänge vorzeigen darf. Wie ein Monument steht dann Mendelssohns Präludium, Choral und Fuge d-Moll als Zentrum im Programm, mächtig aufrauschend der Beginn, wie aus Stein gemeißelt der Choral, bestechend klar die Schlussfuge. Aus dieser üppigen Romantik werden die Zuhörer als Kontrast in die abstrakte Strenge der Klangwelt des Liechtensteiners Josef Gabriel Rheinberger geführt, bevor es nun wirklich weihnachtlich wird.
Fixpunkt im Programm
Mit einer hübsch geschärften Choralbearbeitung über „Hört, es klingt und singt mit Schalle“ erinnert Binder mit offenen Quinten und Schalmeienklängen an den früheren Wiener Domorganisten Peter Planyavsky, der nach Günther Fetz sein Lehrer war. Der Choral „Vom Himmel hoch“ erfährt durch Max Reger eine imposant festliche Ausdeutung, bevor es zu dem vom Publikum wie stets mit Spannung erwarteten Fixpunkt im Programm kommt. Binder zeigt sich einmal mehr als Meister der Improvisation, der weihnachtliche Themen auf seine ganz besondere Art klanglich und farblich neu ausdeutet. Fritz Jurmann
Nächstes Konzert in Bregenz Herz-Jesu: 28. Februar, 19.30 Uhr – Die Orgel feiert Fasching (Helmut Binder)