Ein jazziger Jahreswechsel

Das “Ensemble Kuhle Wampe” gastiert beim Neujahrsjazzfestival im Theater am Saumarkt.
Feldkirch Das Neujahrsjazzfestival im Theater am Saumarkt wartet mit einem bunten Programm auf. Beim „Ensemble Kuhle Wampe“ treffen pointierte Kommentare zum Zeitgeschehen auf üppige Bläsersätze. Tenor des Ensembles ist die künstlerische Auseinandersetzung mit der Politik und Gesellschaft. Der Vorarlberger Musiker und Ensemble-Mitbegründer Tobias Vedovelli im VN-Interview.
Sie sind in Vorarlberg aufgewachsen, haben sich schon als Jugendlicher am Dornbirner Spielboden die aktuellen Strömungen im Jazzbereich angehört. War das Ihre Einstiegsdroge?
Vedovelli Gemeinsam mit einigen sehr prägenden Lehrern und meinem musikalischen Umfeld war das ganz bestimmt eine meiner intensivsten Einstiegsdrogen. Das Programm war immer extrem vielseitig, herausfordernd und hat mir total viele neue Welten eröffnet. Wenn ich an die proFILE-Wochenenden im Spielboden zurückdenke, werde ich jetzt noch absolut nostalgisch. Gerade in Pandemiezeiten wird man da einmal mehr daran erinnert, wie wichtig und prägend Live-Musik-Erlebnisse sind.
Danach haben Sie Kontrabass und Komposition studiert. Was hat Sie in dieser Phase besonders geprägt?
Vedovelli Ich hatte das Glück, bei sehr vielen Musikern zu studieren und zu lernen, die allesamt sehr aktiv und szeneprägend waren und sind. Dadurch bekommt man natürlich viel vom aktuellen Geschehen, von zeitgenössischen Strömungen mit, versucht nachzueifern und so viel wie möglich davon aufzusaugen. Gehört hab’ ich deshalb besonders viele Bands aus dem breiten Umfeld der Jazzwerkstatt Wien, wie FuzzNoir, Flower oder Kompost 3, aber natürlich auch internationale Acts wie Avishai Cohen, Vijay Iyer oder Steve Lehman.
Das 5×5 Go Stipendium des Landes Vorarlberg hat Ihnen eine Projektrecherche ermöglicht. Was haben Sie sich damit erarbeitet?
Vedovelli Solche Stipendien sind massiv wichtig und wertvoll für Künstler in allen Bereichen, und ich bin total dankbar, auch in den Genuss gekommen zu sein. Es ermöglicht einem für eine Zeitspanne fokussiert und dennoch frei seiner Arbeit nachzugehen und Projekte umzusetzen. Das ist aus künstlerischer Perspektive die bestmögliche Situation, um produktiv zu schaffen.
Als umtriebiger Musiker und Musikvermittler haben Sie das onQ- Festival ins Leben gerufen, das erst im Porgy & Bess und dann im Herbst auch in Vorarlberg an unterschiedlichen Orten umgesetzt wurde. Was war Ihre Intention dazu?
Vedovelli Die Idee zum Festival entstand im ersten Lockdown. In Zusammenarbeit mit Michael Tiefenbacher entstand extrem viel Musik, die in der kurzen Atempause zwischen erstem und zweiten Lockdown 2020 dann in unterschiedlichsten Besetzungen mit an die 30 Musikern uraufgeführt wurden. 2021 haben wir das Ganze wiederholt und sozusagen expandiert.
Sie sind auch Mitbegründer des Wiener Labels für Jazz und Neue Musik. Was war Ihre Motivation, Waschsalon Records zu initiieren?
Vedovelli Mit Ausnahme von einigen wenigen Labels ist das, was ursprünglich Arbeit eines Labels war, nämlich die Infrastruktur und Netzwerke für Musiker bereitzustellen, kaum mehr vorhanden. Wir wollten das Heft deshalb selber in die Hand nehmen und uns diese Labelinfrastruktur für Veröffentlichungen von Tonträgern, Vertrieb, Netzwerken und Präsentation der Musik Stück für Stück aufbauen.
Beim Neujahrsjazzfestival am Saumarkt spielen Sie mit Ihrer Formation „Ensemble Kuhle Wampe“. Für welche Art von Musik steht sie?
Vedovelli Wir versuchen dezidiert, politische Inhalte in einen musikalischen Kontext zu setzen, der irgendwo zwischen Jazz mit all seinen Rändern und Ausprägungen und Neuer Musik anzusiedeln ist. Texte und Sprachimprovisation, vorgetragen von Christian Reiner, spielen eine große Rolle, und wir versuchen mit einer ausgewogenen Balance zwischen Verrücktheit und musikalischer Form eine sehr präzise politische Aussagekraft entstehen zu lassen.
Wie ist der Bandname entstanden?
Vedovelli Leonhard Skorupa und ich hatten bei der Gründung der Band bereits die politisch-musikalische Intention. Beim bewussten Aufeinandertreffen dieser Felder kommt man kaum an Hans Eisler vorbei. Dieser komponierte 1932 die Filmmusik für einen proletarischen Film, für den Bert Brecht das Drehbuch schrieb. Titel des Films ist „Kuhle Wampe“ – da konnten wir gar nicht anders.
Sie betonen die künstlerische Auseinandersetzung mit Politik und Gesellschaft. In welcher Form findet sie denn statt?
Vedovelli Genauso wie jede Arbeit und jedes – auch private – Handeln findet ja auch das Kunstschaffen in einem gewissen politischen Spannungsfeld und gesellschaftlichen Strukturen statt und ist deshalb per se politisch. Alle Kunstformen, vermutlich egal ob kommerziell, intellektuell und Nische oder irgendwo dazwischen, sind wohl immer Abbild einer Gesellschaft. Zudem ist Kunst ja immer eine Kommunikationsform, und mir persönlich ist es wichtig, dabei auch politische Standpunkte kompositorisch zu verarbeiten und dann zu vermitteln. Das kann sehr subtil über Werktitel, Texte oder Motive auf physischen Tonträgern oder eben musikalisch stattfinden. sab
Saumarkt Neujahrsjazzfestival 6. bis 8. Jänner
6. Jänner 19.30 Uhr, Philadelphy Trio mit Martin Eberle: Retrograde
7. Jänner 19.30 Uhr, O W L S: Wendolin’s Monocle
8. Jänner 19.30 Uhr, Ensemble Kuhle Wampe
Zur Person
Tobias Vedovelli
E- und Kontrabassist, Komponist
Geboren 1993
Tätigkeit u.a. Komponist und Bassist des onQ Kollektivs, Mitbegründer „Ensemble Kuhle Wampe“, Leader des „Quartetts pol.D“, Mitgründer der Band „Yasmo & die Klangkantine“ etc.