Durchgeknalltes Entertainment

Kultur / 14.12.2021 • 20:19 Uhr
Insgesamt ist hier eine „Fledermaus“ im Kammerformat gelandet, die sich reuefrei genießen lässt. tanja krebs
Insgesamt ist hier eine „Fledermaus“ im Kammerformat gelandet, die sich reuefrei genießen lässt. tanja krebs

„Die Fledermaus“ nach Johann Strauß mit den Geschwistern Pfister.

ZÜRICH Sie ist die Kaiserin der „goldenen“ Operetten-Ära, ein Superhit der Gattung. Überempfindlich ist sie nicht. So hat man bei ihr etwa schon das Orchester heruntergehungert bis auf eine Kombination von Klavier und Dosensound. In der „Fledermaus“, die in dem zwischen See und Opernhaus gelegenen Bernhard Theater in Zürich gezeigt wird, agiert immerhin ein live spielendes Quintett mit Kai Tietje als musikalischem Leiter. Und zwar mit sehr viel Pep und Elan. Und in multiinstrumentaler Aufstellung: Die drei für Perkussion zuständigen Musiker spielen, stets hörbar kompetent, unter anderem auch Holz- und Blechblasinstrumente oder Gitarre. Und die Grenzen des Originals weiten sich von Johann Strauß bis hin zu bodenständigem Schlager, rockigen Klängen oder exotischen Anleihen. Die erste Überraschung kommt gleich am Anfang. Denn ausgerechnet die Ouvertüre wird von einem A-cappella-Chor gesungen, und zwar mit uhrwerkartig präzisem Timing. Es ist der Auftakt zu einem zweieinhalbstündigen Abend, an dem ein Pointenfeuerwerk abgebrannt wird. Christoph Marti und Tobias Bonn alias „Geschwister Pfister“, Spezialisten im schrill-schrägen Unterhaltungstheater-Fach, gehen aufs Ganze. Sie spielen und singen mit genreparodistischer Typenkomik die saturierten Eheleute Rosalinde (Marti brilliert hier „en travestie“) und Gabriel Eisenstein, die sich voneinander entfremdet haben und am Ende der Verwicklungskomödie wieder zueinander finden. Gabriela Ryffel gibt das Stubenmädchen Adele als provozierend selbstbewusstes modernes Girlie.

Bis zur Hippie-Ära

Als Gefängniswärter Frosch stolpert Max Gertsch zur und über die Bühne wie ein uriger Eidgenosse und röhrt leitmelodisch und in saftigem „Bärndütsch“ die Mundartrock-Nummer „Bini Gottfried Stutz e Kiosk?“ Pointensicher wirken in der Regie von Stefan Huber auch die anderen mit Mikroports bewaffneten Singdarsteller. Es sind allesamt scharf umrandete, intelligent durchgeformte Knallchargen, die über eine sparsam möblierte Bühne tanzen, turteln, trinken und torkeln und von einer hemmungslosen Vergnügungssucht geeint werden. Ausstatterin Heike Seidler hat Kostüme ersonnen, die elegant die Epochen von der Belle Epoque bis zur Hippie-Ära durchmessen.

Weitere Vorstellungen (zweieinhalb Std.) bis 15. Jan. Infos und Tickets: bernhard-theater.ch