Sex und Crime in fesselnder Dosierung

Kultur / 10.12.2021 • 21:35 Uhr
„Anna Bolena“: Tolle Stimmen in einer nicht spektakulären, aber psychologisch komplexen Inszenierung. oper/toni Suter
„Anna Bolena“: Tolle Stimmen in einer nicht spektakulären, aber psychologisch komplexen Inszenierung. oper/toni Suter

Neuinszenierung von “Anna Bolena” unter David Alden und Enrique Mazzola mit Diana Damrau in Zürich.

Zürich Nein, das ist keine Ehetragödie, der im Zusammenhang mit der 1830 uraufgeführten Oper „Anna Bolena“ von Donizetti immer noch verwendete Begriff, dokumentiert die Präsenz des Patriarchats fast 500 Jahre nach dem Mord von König Heinrich VIII. an seiner zweiten Ehefrau Anne Boleyn. Die Hände brauchte sich der Renaissancefürst freilich nicht selbst schmutzig zu machen, gegen ihn und seine Macht hatte aber auch die gebildete Frau keine Chance. Nachdem es ihr nicht gelang, einen gesunden Sohn zu gebären, war ihr Schicksal besiegelt. Dass sich ihre Tochter Elizabeth einmal zur mächtigen Regentin hocharbeiten wird, sprengte die Vorstellungskraft des Vaters, der zur Zeit der Handlung noch als athletischer Kraftprotz agierte und nicht als vollgefressener Potentat, den wir von bildlichen Darstellungen kennen.

Wirklichkeit und Bühne klaffen oft auseinander. Das war auch bei Gaetano Donizetti und seinem Librettisten Felice Romani nicht anders, die die historische Vorlage für ein kräftiges Drama verwendeten, in dem sich Lord Percy nach Anna verzehrt, der junge Smeton von ihr schwärmt und in dem die Seymour – mehr Schicksalsgefährtin als Rivalin – schon als Nachfolgerin in der Schlafzimmertür steht.

Hörenswert

Dass Donizetti die Ingredienzen des Belcanto berücksichtigt, aber schon Theatermusik par excellence schuf, zeichnet „Anna Bolena“ aus. Obwohl in der Neuinszenierung der Zürcher Oper weit weniger Striche vorgenommen wurden als sonst üblich und die Aufführung somit über drei Stunden dauert, flaut die Spannung nie ab. Enrique Mazzola (in Bregenz auch als Dirigent von Seeproduktionen der Festspiele bekannt) lässt die Sänger vom Orchester tragen und vertritt dennoch einen temperamentvollen Donizetti-Stil, den er souverän zur Wirkung bringt. Mit Diana Damrau steht die geeignete Künstlerin mit begeisterndem Stimmumfang  und Registertechnik für so viel Verve auf der Bühne. Dass ihr Luca Pisaroni (Enrico) ebenbürtig ist, verzahnt sich mit dem Konzept von David Alden. Der Amerikaner, der hier schon „Maria Stuarda“ inszeniert hat, lässt vom Ausstatter Gideon Davey die Zeit-
ebenen von der Handlung bis ins 20. Jahrhundert verknüpfen. Was erwartet werden konnte, wird nicht nur psychologisch per Schattenspiel aufgewertet, durch die Personenführung, etwa mit einem König, der sein sexuelles Begehren noch gegenüber der Verurteilten äußert, erhält die Produktion enorme Komplexität. Gute Stimmen hat sie sowieso, etwa auch mit Alexey Neklyudov als Percy.

Sex und Crime in fesselnder Dosierung

Nächste Aufführung von “Anna Bolena” am 14. Dezember und weitere am Opernhaus Zürich. Pandemiemaßnahmen: opernhaus.ch