Glücksgefühle bei Mahler und Bruckner

Kultur / 10.12.2021 • 17:54 Uhr
Jürgen Ellensohn: „Mein erster Wunsch war Schlagzeug, mein zweiter Horn. Aber aller guten Dinge sind bekanntlich drei.“ oliver kendl
Jürgen Ellensohn: „Mein erster Wunsch war Schlagzeug, mein zweiter Horn. Aber aller guten Dinge sind bekanntlich drei.“ oliver kendl

Als Solist und Pädagoge ist ihm auch seine Ausbildung als Mentalcoach eine wertvolle Hilfe.

KLAUS Als Musiker liebt er den Ausgleich und ein gesundes Nebeneinander von Spitzenmusiker im Symphonieorchester, im Brass Ensemble und einer überzeugenden Pädagogik. Nach Jahren der festen Positionen hier wie dort befindet sich der Trompeter Jürgen Ellensohn derzeit in einer Phase der Neuorientierung, des Übergangs zu weiteren Aufgaben.

 

Die Duplizität der letzten Jahre, seit 2005 Solotrompeter im hr-Radio-Sinfonieorchester/Frankfurt Radio Symphony und seit 2015 Professor für Trompete am Landeskonservatorium – war das bereits so etwas wie die Erfüllung Ihres Lebenstraumes?

ELLENSOHN Das Leben mit Musik zu gestalten und damit den Lebensunterhalt zu verdienen, das ist sicherlich ein absoluter Segen und ein Traum. Darum habe ich Trompete studiert, jeden Tag versucht mich weiterzuentwickeln und jede Gelegenheit genutzt, mit den besten Musikern zu spielen, egal ob im Orchester, in der Kammermusik oder als Solist. Über die Jahre hat sich dann auch immer mehr die Leidenschaft fürs Unterrichten entwickelt.

 

Was ist es, was Sie als Pädagoge bis heute fasziniert?

ELLENSOHN Ich hatte Lehraufträge in Bern, Mainz und in Frankfurt. Als Musiker ist man immer auf der Suche und will sich ständig verbessern. Diese Arbeit, dieses Analysieren und Tüfteln ist definitiv eine Leidenschaft von mir. Zusätzlich habe ich dann ein Studium zum Mentalcoach gemacht. Dies alles hat dazu geführt, dass ich meine eigene Klasse haben wollte. Ich genieße es einfach, mit den besten jungen Trompetern zu arbeiten, an kleineren und größeren Stellschrauben zu drehen, sowohl instrumental als auch mental, und sie in einem unglaublichen schönen Lebensabschnitt, dem Studium, begleiten zu dürfen.

 

Nun haben Sie 2019 Ihre Lehrtätigkeit am Konservatorium aber ruhend gestellt – aus welchem Grund?

ELLENSOHN Ein Ziel von mir war immer, eine Professur an einer Musikhochschule in Deutschland zu haben. 2019 war die Professur an der Hochschule für Musik in Würzburg frei und diese Stelle habe ich dann bei einem dreitägigen Hearing gewonnen. Im ersten Jahr habe ich zusätzlich noch in Frankfurt gespielt und in Feldkirch unterrichtet. Dieses Pensum war aber zeitlich nur sehr kurz zu bewältigen. Deshalb habe ich mich in Feldkirch beurlauben lassen und in weiterer Folge 2020 die Orchesterstelle in Frankfurt gekündigt. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, in naher Zukunft neben Würzburg auch wieder in Feldkirch zu unterrichten. Es ist doch meine Heimat und eine Herzensangelegenheit.

 

Wie sind Sie damals zu dieser tollen Stelle als Solotrompeter beim RSO Frankfurt gekommen?

ELLENSOHN Als Musiker gibt es immer die Möglichkeit, sich für freie Stellen in Orchestern zu bewerben. Frankfurt war bekannt für seine Mahler- und Bruckner-Tradition, weshalb ich damals unbedingt die freie Stelle als Solotrompeter in Frankfurt wollte. Als absoluter Nobody bekommt man aber für so eine Stelle gar keine Einladung. Durch meine Engagements an der Orchesterakademie des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks und am Berner Sinfonieorchester hat das Orchester zumindest meinen Namen schon gekannt. Somit habe ich eine Einladung für das Probespiel bekommen und konnte mich dann auch gegen meine Mitstreiter durchsetzen.

 

Was spürt ein Trompeter im Orchester bei den Symphonien von Mahler und Bruckner?

ELLENSOHN Mahler und Bruckner sind immer besonders. Diese Energie bei den Blechbläsern und im gesamten Orchester ist eine absolute Erfüllung. Das sind pure Glücksgefühle. In Frankfurt war es eine reine Freude und ein absoluter Genuss, diese Werke zu spielen, auch wenn jedes Konzert live aufgenommen wurde. Das ist natürlich eine zusätzliche Herausforderung. Das hr-Sinfonierorchester hat dadurch nun auf YouTube einen riesengroßen Kanal mit 300.000 Abonnenten. Einzelne Videos von uns wurden mehrere Millionen Male angesehen.

 

Inzwischen haben Sie in Frankfurt gekündigt – wie groß ist der Run anderer Formationen auf den Solotrompeter Jürgen Ellensohn?

ELLENSOHN Obwohl in den letzten Monaten viele Konzerte aus bekannten Gründen abgesagt wurden, habe ich persönlich das Glück, viele Anfragen als Solotrompeter von verschiedensten Orchestern wie den Berliner Philharmonikern, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks oder den Münchner Philharmonikern zu bekommen. Ich muss im Moment sogar mehr absagen, als ich tatsächlich übernehmen kann. Dazu gibt es einige neue Kammermusikformationen in der Warteschleife und Konzerte als Solist.

 

Was hat Sie als Kind für die Trompete begeistert, wer waren Ihre Lehrer?

ELLENSOHN Mein Vater und mein Bruder waren, bzw. sind Mitglieder in der Gemeindemusik Götzis. Somit war klar, dass auch ich ein Instrument lerne. Mein erster Wunsch war Schlagzeug, mein zweiter Horn. Aber aller guten Dinge sind bekanntlich drei, und so wurde es die Trompete. Ich hatte von Anfang an mit Franz Mahr einen Trompetenlehrer, der mich sehr begeistern konnte. Weitere Lehrer waren Stefan Dünser in der Musikschule Dornbirn, Prof. Lothar Hilbrand am Landeskonservatorium Feldkirch und Prof. Hans Gansch an der Universität Mozarteum Salzburg, also sicher immer die Crème de la Crème für den jeweiligen Lebensabschnitt.

 

Wie viele Trompeten besitzen Sie eigentlich?

ELLENSOHN Als Profitrompeter braucht man schon eine beträchtliche Anzahl an Trompeten und genügend Stauraum im Haus. 15 verschiedene Trompeten sind es mittlerweile sicher geworden. Ich spiele vor allem Instrumente der Firma Schagerl aus Niederösterreich. Über die Jahre ist da eine richtige Freundschaft entstanden, und ich unterstütze sie immer in der Weiterentwicklung ihrer Instrumente. Aus ganz sentimentalen Gründen habe ich jedes Instrument, das ich längere Zeit gespielt habe, auch behalten. Man hängt einfach dran.

Zur Person

JÜRGEN ELLENSOHN

GEBOREN 2. Juli 1977 in Hohenems, lebt in Klaus

AUSBILDUNG Landeskonservatorium Feldkirch, Universität Mozarteum Salzburg, Mentalcollege Bregenz

TÄTIGKEIT Berner Symphonie-Orchester (2003-2005), hr-Sinfonieorchester Frankfurt (2005-2020), Gastmusiker in zahlreichen Orchestern, Pro Brass, Professor am Vorarlberger Landeskonservatorium (2015-2019), seit 2019 Professor an der Hochschule für Musik Würzburg, Mentalcoach, Unternehmer (www.teachair.shop)

FAMILIE verheiratet, zwei Töchter