Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Ein Weihnachtswunder?

Kultur / 10.12.2021 • 20:49 Uhr

Nun lärmen sie also wieder – lauter und heftiger als jemals zuvor. Sie erklären der Politik und der Mehrheit der Menschen, dass sie keine Ahnung hätten und nichts wollten, als die Demokratie vernichten. Nun huldigen sie mehr als jemals zuvor den Verschwörungstheoretikern, folgen ihren falschen Tönen als würde Orpheus singen. Sie selbst aber singen nicht, sie johlen und sie jaulen, sie schreien und sie schimpfen, sie bedrohen das System und einzelne Personen. Sie demonstrieren vor Krankenhäusern, in denen Ärzte und medizinisches Personal verzweifelt versuchen, das Leben jener zu retten, die – wie die Schreier vor der Tür – ungeimpft sind und deshalb in der Intensivstation landen. Und dann haben sie noch die Chuzpe zu sagen, dass drin, in den Betten, jene liegen, die durch die Impfung erkrankt sind (dümmstes Copyright gebührt Dagmar Belakowitsch, freiheitliche Abgeordnete zum Nationalrat und von Beruf Ärztin). Sie machen Krawall, zu Hunderten und Tausenden fast jeden Tag in der Woche irgendwo in Österreich. Und sie finden keine Minute Trauer für jene über 13.000 Toten, die bisher mit Corona gestorben sind, auch nicht für jene über fünf Millionen, die dieser Pandemie bisher weltweit zum Opfer gefallen sind.

Doch nun, so scheint es, genügt es auch manchen jener stillen Mehrheit, weil sie glauben, dass man dem Geschrei etwas entgegensetzen muss: Stille. Information kann ja offensichtlich nicht mehr helfen, denn die wurde hundertfach gegeben: von Medizinern, Virologen und Ärzten. Aber denen glauben sie nicht, vor allem glauben sie nicht den Politikern, den Medien und Journalisten.

In Bregenz gibt es nun eine Gruppe, die das Heft in die Hand nehmen will. Mit folgendem Text laden sie ein: „Unser Anliegen ist der Zusammenhalt der sehr verschiedenen Gruppen in unserer Gesellschaft. Dazu stehen wir achtsam und dankbar beieinander am See. Wir schweigen gemeinsam, weil alles Wichtige schon gesagt ist. Wir bringen eine Kerze mit und halten uns damit gegenseitig im Licht. Wenn Sie aus der Ferne mitmachen wollen, stellen Sie eine Kerze ins Fenster.“ Es sind drei Privatpersonen aus Bregenz, Veronika Seifert, Michael Striebel und Johannes Schmidle, die unter dem Motto „Miteinander – eine Lichterkette am Bodensee“ für den 4. Adventsonntag, 19. Dezember, um 17 Uhr an den Bodensee zwischen Molo und Fischersteg einladen. Es könnte eine schöne Demonstration für das Gemeinsame, für das Miteinander in der Krise sein – wahrscheinlich überhaupt das Einzige, das uns noch helfen kann, uns aus diesem schlimmen gesellschaftlichen Streit zu befreien. Wenn es gelingt, wäre es fast ein Weihnachtswunder.

„Wir schweigen gemeinsam, weil alles Wichtige schon gesagt ist.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.