Reichhaltiges Gesamtkunstwerk

Kultur / 07.12.2021 • 20:46 Uhr
Szene aus „Monkey off My Back or the Cat’s Meow“. emirzas
Szene aus „Monkey off My Back or the Cat’s Meow“. emirzas

Oft erfrischend: Trajal Harrell beginnt mit seiner Theater-Performance gewissermaßen bei null.

ZÜRICH Die Halle im Schiffbau wird zum Catwalk. Im ehemaligen Industrieraum, seit gut zwei Jahrzehnten eine der Spielstätten des Schauspielhauses, drehen Frauen und Männer vor gegenüberliegenden Zuschauertribünen ihre Runden. Mit der Coolness professioneller Models, in extravaganten Kostümen, die zum Hingucker ersten Ranges werden können. Es formieren sich Paartänze. Eine Gruppe übt weich fließende synchrone Bewegungsabfolgen in den Armen, Händen, Fingern. Und plötzlich wird jeder Rest von Modeschau-Atmosphäre getilgt, als eine der Gestalten den Körper verkrümmt und das Gesicht verzerrt.

„Monkey off My Back or the Cat’s Meow“ heißt die jüngste Kreation des 1973 geborenen US-Amerikaners Trajal Harrell. Die erste Titel-Hälfte verweist auf das Abwerfen eines schwierigen Problems, während das „Miauen der Katze“ dann eine positive Reaktion auf etwas Reizvolles anzeigt. Über die Bedeutung des Titels lange zu grübeln, lohnt sich indes kaum: Der Abend lädt vor allem dazu ein, die Sinne zu öffnen für ein reichhaltiges Gesamtkunstwerk.

Geschlechterklischees aufweichen

Trajal Harrell, der als Regisseur, Choreograf und Kostümbildner zeichnet, mitverantwortlich ist für Bühne und Soundtrack und auch mitspielt, beginnt mit seiner neusten Theater-Performance gewissermaßen bei null. Neun Frauen und acht Männer aus den Sparten Tanz und Schauspiel begegnen sich hier gleichsam voraussetzungslos für ein von Bedeutungsgewichten entlastetes Tun auf einem Teppich mit Piet-Mondrian-artigen Farbflächen, auf dem Couchgarnituren stehen und ein Tisch, unter dem allerlei Kinderspielzeug hervorlugt. Die siebzehn Performer weichen mit den ständig wechselnden Kostümen auch Geschlechterklischees auf, wenn zum Beispiel Männerkörper in Frauengewändern stecken.

Die Choreografie bezieht ihr Vokabular einer Tanzweise, die sich stilistisch anlehnt an Bewegungen und Posen von Models, und aus dem japanischen „Butoh“, der mit seiner bis zur Groteske geschärften radikalen Expressivität den Betrachter verstören will. Zum Höhepunkt des knapp zweistündigen Abends zu Musik ab Konserve von Nina Simone, Joan Armatrading, Mia Doi Todd, Debussy, Steve Reich und vielen mehr gerät der wilde, vital aufgeladene Ensembletanz, zu dem die Rezitation der Unabhängigkeitserklärung der USA von 1776 den Anstoß gibt. Das Stück hat allerdings auch Längen. Weshalb zum Beispiel nicht ein paar Catwalk-Runden weniger drehen?

Weitere Vorstellungen (110 Min.) bis 31. Dez.: www.schauspielhaus.ch