Wo ein Hitchcock-Klassiker grandios umgesetzt wird

Kultur / 30.11.2021 • 21:00 Uhr
Wo ein Hitchcock-Klassiker grandios umgesetzt wird
Szene aus “Die 39 Stufen”. Theater/Ilja Mess

Agententhriller “Die 39 Stufen” wird in Konstanz von Joachim Rathke inszeniert und von der Vorarlbergerin Caro Stark ausgestattet.

Konstanz, Bregenz Die Zahl bleibt gleich. Insgesamt 39 Kostüme hat Caro Stark entworfen, und das, obwohl die Produktion „Die 39 Stufen“ nur mit vier Schauspielern besetzt ist. Nein, das Theater Konstanz, von dem die Vorarlbergerin den Auftrag erhielt, agiert zurzeit nicht auf Sparflamme, wo man die von Patrick Barlow für die Bühne bearbeitete Kriminalkomödie nach dem Buch von John Buchan und dem Film von Alfred Hitchcock auch spielt, ist der Cast nie umfangreich, am westlichen Bodenseeufer mutet man dem Ensemble nur noch etwas mehr zu als in vielen anderen Fällen. Auch in den Wiener Kammerspielen ging es jüngst beispielsweise bei den im Jahr 1935 mit Robert Donat verfilmten „39 Stufen“ zwar rasant, im Vergleich dazu aber noch recht gemütlich zu.

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Theater/Ilja Mess

Joachim Rathke, den Vorarlberger Theaterfreunde auch von Auftritten mit dem Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung kennen, schöpft als Regisseur aus einem reichhaltigen Ideenreservoire und er vertraut dem Besetzungsgeschick von Intendantin Karin Becker in Konstanz, die ihm vier Künstler überlässt, die starke Charakterköpfe, Komödianten mit nahezu akrobatischen Fähigkeiten, gewiefte Akzentimitatoren und fitte Denker sind. Sein Konzept macht er dem Publikum, dem die letztgenannte Fähigkeit nicht im selben Ausmaß zu eigen ist, gleich plausibel. Das im Theaterjargon als Vorbühnenstück konzipierte Werk spielt in der Tat ausschließlich dort. Der eiserne Vorhang klemmt, man muss improvisieren, eine Aufführungsabsage ist nicht drin, „ich brauche das Geld“, sagt Maelle Giovanetti und stellt damit den Bezug zu einer Zeit her, in der das Gros der Unterhaltungskünstler um jedes Engagement kämpfen musste, um die Grundbedürfnisse abdecken zu können und Agententhriller dem Amüsement dienten. Geerdet mussten die Stücke nicht unbedingt sein, dass die Welt draußen oft böser ist als im Kino oder Theater wurde bzw. wird somit nicht als Realitätsverweigerung gesehen, der Qualitätsfaktor ermisst sich am Sinn für das bissig Anekdotische oder auch das Absurde und an der exakt gesetzten, gut aneinandergereihten Situationskomik. Diesbezüglich gibt es für „Die 39 Stufen“ in Konstanz einen Einser mit Stern.  

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Theater/Ilja Mess

Was den Grad der Überzeichnung betrifft, sind sich Joachim Rathke und Caro Stark absolut einig, auf der in Schwarzweiß gehaltenen Bühne, auf der die entsprechend bunt gewandeten Akteure Mobiliar und Versatzstücke wie etwa die verschiedentlich verwendbaren Theaterlogen, Türen und Fenster selbst zu bewegen haben, lügen, lieben und leiden auch dann noch Menschen aus Fleisch und Blut, wenn sich jener unbescholtene Richard Hannay, der durch Zufall in den Fokus von Gesetzeshüter und -brecher gerät, in skurrile Situationen manövriert. Es ist ein Hitchcock-Plot schlechthin, in den Szenen aus „Der unsichtbare Dritte“, „Das Fenster zum Hof“, „Der Mann, der zu viel wusste“ oder „Psycho“ hereinwehen bzw. als Schattenspiel oder über die Musik auftauchen, in der zudem weitere Filmklassiker zu erkennen sind.

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Theater/Ilja Mess

Bis klar ist, wie es sich nun um die gestohlenen Dokumente bzw. einer Formel für einen lautlosen Flugzeugmotor verhält, gerät das Publikum mit Patrick O. Beck, Maelle Giovanetti, Miguel Jachmann und Dominik Puhl nicht nur in zahlreiche Turbulenzen, es erfährt, wie sich eine Illusionsmaschinerie in Gang setzt, die bei Verwendung von einfachen Mitteln allerdings nur derart spannungsreich funktioniert, wenn man wie hier in der Lage ist, punktgenau zu agieren.

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Großer Jubel im Publikumsraum, der in Konstanz aufgrund der Pandemie nur zur Hälfte besetzt werden darf. Unsere Nachbarn lassen Kunst und Kultur zu, verlangen aber zusätzlich zur 2G-Regel einen aktuellen Test sowie das Tragen von Masken. Die Menschen akzeptieren es, sie werden auch in der Gastronomie und in den Geschäften (!) streng kontrolliert. Die Pandemie ist noch nicht überwunden, aber es gibt einen Ausweg, wer durch die Stadt mit ihrem historischen Zentrum, dem Konzil und dem Hafen spaziert, sieht neben den vielen Theater-, Konzert- und Ausstellungsplakaten mindestens so viele Verweise auf die Corona-Impfung und Wegweiser zu Teststationen.

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Ab 3. Dezember zahlreiche weitere Aufführungen von “Die 39 Stufen” auf dem Spielplan, es gilt die 2G-plus-Regelung: theaterkonstanz.de