Matthias Kessler: Gefallen hat alles, was Groove hatte

Bestimmend im Leben des Vorarlberger Musikers ist die Leidenschaft für Rhythmus und Improvisation.
Feldkirch Er hat von Anfang an große Zielstrebigkeit. Matthias Kessler gewann als Pauker und Schlagzeuger zahlreiche Preise, spielte als Akademist bereits in so prominenten Orchestern wie den Berliner Philharmonikern und ist ab Jänner fester Solopauker der Hamburger Symphoniker.
Wenn man aus einer so musikalischen Familie stammt wie Sie, ist der Beruf des Musikers wohl vorgezeichnet. Aber als Pauker und Schlagzeuger wird man ja nicht geboren?
Man wird vielleicht nicht als Pauker, Pianist oder Geiger geboren, aber als Musiker. Das ist bei allen so, da gibt es keine Unterschiede. Wie ich meinen Weg zu dem „familienuntypischen“ Instrument gefunden habe, weiß ich gar nicht mehr so genau. Mir wurde natürlich seitens der Eltern nahegelegt, eines der beiden Instrumente zu lernen, die ohnehin im Haus sind wie Klavier oder Geige. Aber so richtig Spaß hatte ich nicht daran. Gefallen hat mir alles, was irgendwie „Groove“ hatte, und so war es die richtige Wahl, dass ich bei Stefan Greussing in der Musikschule Feldkirch mit dem Schlagzeug beginnen konnte. Das lief dann von Beginn an super.
Auch Ihre Ausbildung hat, wie so oft bei Orchestermusikern, in der Blasmusik begonnen?
Für mich persönlich waren die Jahre in der Jungmusik des Musikvereins Altenstadt unter Markus Lins eine gigantische Spielwiese, um Sachen auszuprobieren. Das Orchesterspiel ist ja immer ein Finden des gemeinsamen Nenners. Als Schlagzeuger und gerade als Pauker muss man das mit sehr viel Feingefühl steuern. Das kann man nur über das Tun lernen.
Wer von Ihren prominenten Ausbildnern hat Sie besonders geprägt?
Geprägt haben mich definitiv alle meine „Lehrer“ und musikalischen Begleiter. Ich hatte das Glück, für jeden der Teilbereiche des Schlagwerks einen absoluten Spezialisten als Lehrer zu haben. Natürlich waren die Musiker der Berliner Philharmoniker und meine Professoren in Zürich, die mich in den letzten Jahren betreut und meine Ausbildung vervollkommnet haben, besonders prägend. Für immer in Erinnerung bleiben wird mir aber unser Musikkundeprofessor im Musikgymnasium, Franz Soltesz. Bei ihm habe ich musikgeschichtlich und musiktheoretisch ein großes Wissen vermittelt bekommen. Grundsätzlich halte ich zu all meinen Lehrern sehr regelmäßigen Kontakt, denn schließlich lernt man nie aus!
Wir sollten zunächst einmal die fachliche Unterscheidung erläutern zwischen Pauker und Schlagzeuger, die im Orchester in verschiedenen Positionen besetzt sind.
Ja, eine durchaus schwierige Frage eigentlich, denn so viel haben das Pauke- und Schlagzeugspielen nicht miteinander zu tun. Oft kommt mir vor, rein von den technischen Anforderungen ist es, als müsste ein Geiger Kontrabass spielen. Wird ja beides mit dem Bogen gespielt und zupfen kann man auch (nur im Spass!!!). So viel hat die Technik, Marimba zu spielen, mit der Technik zu tun, ein Tambourin richtig zu bedienen (kein Spass!). Eine Unterscheidung, die ich sehr gut finde: Das Schlagzeug veredelt immer eine bestehende musikalische Struktur. Die Pauke hat eine viel grundlegendere Aufgabe. Das ist der Tatsache geschuldet, dass sie ein Bassinstrument ist und harmonische Eckpunkte setzt.
Sehen Sie sich in erster Linie als Pauker oder Schlagzeuger oder beides?
Die meisten Musiker, die den Wunsch haben, im Orchester zu spielen, tendieren nach einer Zeit in eine Richtung. Mich persönlich zieht es eigentlich schon von Beginn an zu den Pauken. Die Ausbildung an den Schlagzeuginstrumenten ist aber unabdingbar.
Als Pauker brauchen Sie neben der Schlagtechnik auch ein sehr feines Gehör, denn die Pauken müssen genau in der richtigen Tonhöhe gestimmt und dem Werk angepasst werden.
Zu Beginn ist das Einstimmen der Pauken schwierig, da es ein sehr gut trainiertes Gehör benötig. Im Profibereich spielen wir nicht auf Plastikfellen, sondern mit Naturfellen. Diese Naturfelle sind natürlich wetter- bzw. feuchtigkeitsabhängig und es bedarf einer Menge Flexibilität und Erfahrung, auch während eines Konzerts die Intonation im Überblick zu behalten, in welche Richtung sich das Ganze bewegt. Einen Unterschied macht sogar manchmal die Zahl der Besucher, die Feuchtigkeit ausatmen oder die hellen Scheinwerfer, die den Bühnenraum stark aufheizen.
Gibt es eine Art Philosophie für die Behandlung der Pauken im Orchester, bei denen es ja nicht allein um Lautstärke geht, sondern um ganz spezielle Effekte?
Beim Pauken ist die Kunst, genau zu wissen, wann man hervortritt und wann man zurückhaltender agieren sollte. Natürlich ist man lautstärkemäßig allen Instrumenten überlegen, das soll man sensibel, aber bestimmt einsetzen. Der Pauker muss den großen Bogen über einen Konzertabend im Hinterkopf behalten, um die Höhepunkte richtig zu setzen und das Pulver nicht zu früh zu verschießen.
Erzählen Sie uns von Ihren ersten Erfahrungen im großen Orchester, etwa im Gustav-Mahler-Jugendorchester, wo sie 120 Mitbewerber ausgestochen haben?
Das war eine Wucht! Alles beginnt ja mit dem Probespiel, das für mich neu war. Eine total aufregende Situation. Man übt seit Wochen das Programm für diese oft nicht einmal fünf Minuten beim Vorspiel. Alles muss sitzen, man muss überzeugen. Im Mahler-Orchester spielen die besten jungen Musiker weltweit in den größten Konzertsälen Europas, immer ausverkauft. Die Verantwortung, jeden Abend die beste Leistung zu liefern, ist omnipräsent.
2019 konnten Sie bei einem Probespiel die Musiker der Berliner Philharmoniker überzeugen und gewannen für zwei Jahre das Stipendium der Karajan-Akademie. Was hat Ihnen das rückblickend gebracht?
Das Umfeld ist das Entscheidende. Man hat fantastischen Unterricht und es formt, stets von den besten Musikern dieser Welt umgeben zu sein. In diesem Orchester als Akademist mitzuwirken, bringt schlussendlich Sicherheit und Selbstbewusstsein. Abgesehen von meinen zahlreichen Einsätzen im Orchester, konnte ich regelmäßig Konzerte hören, hatte immer Zugang zu Proben und konnte den größten Dirigenten beim Arbeiten zusehen und zuhören. Dadurch wächst der eigene Anspruch. Man sensibilisiert sich, plötzlich hört man ganz neue Nuancen und beginnt zu verstehen. Man reizt Grenzen aus, dynamisch, sowohl nach oben als auch nach unten. Aber vor allem bekommt man täglich vor Augen geführt, was es bedeutet, ein musikalisches Erbe, das sich über Jahrzehnte entwickelt und geformt hat, zu leben. Und ganz genau mit dieser Einstellung möchte ich jetzt in meine Stelle in Hamburg starten. Fritz Jurmann
MATTHIAS KESSLER
GEBOREN 7. April 1997 in Feldkirch
AUSBILDUNG Musikschule Feldkirch, Landeskonservatorium, Bachelorstudium Zürcher Hochschule der Künste, Studium Orchester Master an der Hanns Eisler Hochschule Berlin
TÄTIGKEIT Gastmusiker in zahlreichen prominenten Orchestern mit Dirigenten wie Zubin Mehta, Sir Simon Rattle, Christian Thielemann, Manfred Honeck; zuletzt als Stipendiat der Karajan-Akademie Silvesterkonzert oder Waldbühne Berlin mit den Berliner Philharmonikern unter Kirill Petrenko