Die letzten schönen Klänge, bevor es mit dem Singen vorbei ist

Kultur / 21.11.2021 • 21:33 Uhr
Feldkircher Kammerchor und Concerto Stella Matutina unter Benjamin Lack bei den Montforter Zwischentönen. breuer
Feldkircher Kammerchor und Concerto Stella Matutina unter Benjamin Lack bei den Montforter Zwischentönen. breuer

H-Moll-Messe von Bach bei Montforter Zwischentönen.

Feldkirch Bachs h-Moll-Messe ist der Mount Everest für Chöre: Meist fünfstimmig, im Sanctus sechs- und im Osanna gar achtstimmig und mit achtzehn Chornummern (gegenüber neun Arien) stellt sie höchste Anforderungen an Intonationssicherheit, Klangschönheit und Kondition. Nun hat sich der Kammerchor Feldkirch unter Benjamin Lack an dieses Wagnis gemacht. Doch für Choraufführungen herrschen derzeit keine optimalen Bedingungen: Noch bei der Generalprobe am Nachmittag mussten die rund 40 Sängerinnen und Sänger mit Masken singen, erst bei der Aufführung im Montforthaus durften die Stimmen unbehindert strömen.

Vielleicht war das der Grund, warum das Kyrie noch etwas verhalten und wenig expressiv klang, als zupften ein paar zaghafte Gläubige am Mantel Gottes, um ihn um Erbarmen zu bitten. Perfekter Wohlklang entfaltete sich dann im Christe eleison, gesungen von den beiden berückend schön harmonierenden Solistinnen Miriam Feuersinger und Marijan Dijkhuizen. Erst im Gloria kam der Chor richtig zu sich, und in der Folge zeigten sich seine Qualitäten: Präsenz, klare Artikulation, sichere Intonation und schöne Phrasierung. Besonders die Fugen klangen durchsichtig und federnd, einziger Wermutstropfen: Den Männerstimmen fehlt es, wie bei den meisten Laienchören, an Saft und Kraft, besonders den Bässen.

Exquisites Solistenquartett

Das exquisite Solistenquartett wurde seinem internationalen Renommée fast durchwegs gerecht: Miriam Feuersinger verströmte ihren kostbaren Sopran mit geradezu frommer Innigkeit, die Altistin/Mezzosopranistin Marijan Dijkhuizen bestach mit ihrer klangvollen, expressiv und elegant geführten Stimme. Etwas schwächer die Männer: Der metallische Bass-Bariton des Christian Immler hätte etwas mehr Klangfülle vertragen, der Tenor Georg Poplutz, sehr schön im Duett mit Miriam Feuersinger, sang seine Benedictus-Arie hinter dem Orchester und war dadurch selbst in Reihe vier nur schwer hörbar.

Eine reine Freude war das Orchester, das Concerto Stella Matutina: Die Streicher mit Konzertmeister David Drabek und die Holzbläser artikulierten plastisch und ausdrucksvoll, die drei Barocktrompeten und die Pauke sorgten für die festlich strahlenden Glanzlichter. Von den Orchestersolisten seien der Paukist Stefan Greussing hervorgehoben, der nicht nur bum-bum macht, sondern seine Schläge kunstvoll phrasiert, sowie der absolut sichere und glanzvolle Solotrompeter Bernhard Bär.

Benjamin Lack hat seinen Chor mit großer Sorgfalt einstudiert. Er dirigierte mit flüssigen Tempi, fast kammermusikalisch fein. Manchmal hätte man sich etwas mehr Leidenschaft und Expressivität gewünscht, etwa im Kyrie oder im Cruxifixus mit seinen Orchester- und Chorschlägen, die recht zahm klangen. Musikalisch ließ der Abend nur wenige Wünsche offen.

Leider ließen sich die Veranstalter vom Zwang des Konzeptes dazu verleiten, dieses Gipfelwerk der abendländischen Musik überflüssigerweise mit Texten zu garnieren. Andreas Heller, Theologe und Inhaber des ersten interdisziplinären Lehrstuhls für Palliative Care und Organisationsethik in Europa, sprach im zeitgeistigen Ton der Achtsamkeit („Flehen um das Geschenk des Sein-Dürfens“, „Wir schulden einander sorgende Solidarität“) über Sorge und die Gedanken, die Sterbende über ihre Versäumnisse äußern, kurz auch über Mut – Texte, die so überhaupt nicht zur Glaubenssicherheit und strahlenden Festlichkeit der h-Moll-Messe, deren meiste Teile übrigens in D-Dur stehen, passten. Nach meiner Meinung verbietet der Respekt vor der Größe dieses Werkes ohnehin jede Textzugabe.