Wo es neben Kunst auch etwas zu wünschen gibt

Rivane Neuenschwander berührt im Kunstmuseum Liechtenstein. Bekämpfe Deine Angst mit einem Schutzmantel
VADUZ Wegen Instandhaltungsarbeiten war das Kunstmuseum Liechtenstein fast zwei Monate lang geschlossen. Gerade rechtzeitig zu seinem 21. Geburtstag wurde das Haus gemeinsam mit der angedockten Hilti Art Foundation wieder eröffnet. Der Hauptact und eine Entdeckung für viele ist die Präsentation der brasilianischen Künstlerin Rivane Neuenschwander. Zwischen spielerischer Leichtigkeit und enormer Tiefgründigkeit, zwischen fröhlicher Buntheit und düsteren Visionen, zieht die an alle Sinne appellierende Schau einen vom ersten bis zum letzten Moment in den Bann.

Bei der mit rund 50 Werken jüngeren Datums bestückten Personale handelt es sich um die erste umfassende Einzelausstellung der 1967 in Belo Horizonte geborenen, in Sao Paulo lebenden und arbeitenden Künstlerin im deutschsprachigen Raum. Raumgreifende Installationen, Objekte, Textilarbeiten, Gemälde und Filme verweisen auf die Vielgestaltigkeit ihres Schaffens, auf ihre Affinität zu Literatur und zu brasilianischer Kultur. In den klugen, einer minimalistischen Ästhetik verpflichteten Arbeiten von Rivane Neuenschwander kollidieren Traditionen mit gegenwartsaktuellen Fragen und den Unsicherheiten unserer Zeit, die allerorten lauernden Ängste schüren auch Hoffnung. Lebenszyklen und Prozesse, die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit des organischen Lebens sind ebenso wiederkehrende Themen der der Biennale-Teilnehmerin von 2003 und 2005 wie die Interaktivität ihrer Werke. Bereits im ersten Saal offenbart sich der partizipatorische Ansatz vor einer bunten Wand, die sich beim Näherkommen als Aneinanderreihung von unzähligen bedruckten Stoffbändern erweist. Die als work in progress 2003 begonnene Installation „Ich wünsche mir deinen Wunsch“ geht auf einen brasilianischen Wallfahrtsort zurück, wo sich die Pilger farbige Bänder ums Handgelenk knoten, mit deren Abfallen der still gedachte Wunsch in Erfüllung gehen soll. Die Besucher sind eingeladen, ihre eigenen Wünsche zu hinterlassen, die gesammelt und als Auswahl wieder auf neue Bänder gedruckt werden.

Auf einer Seite umlaufen die Bänder wie ein Sockel den Raum, die anderen Wände sind bis zur gleichen Höhe in einem Mintgrün gestrichen, das nicht umsonst an Krankenhäuser erinnert. Das Grün ist eine Referenz an die Casa Verde, eine Nervenheilanstalt aus einer brasilianischen Kurzgeschichte, in der ein Arzt fast alle Bewohner seiner Heimatstadt dorthin einweisen lässt, bis er sich dazu entschließt, alle zu entlassen und sich selbst interniert. Im Zuge der Illustrationen für die Neuauflage dieses Klassikers 2020 hat Rivane Neuenschwander auch 20 märchenhaft anmutende Figuren aus Stoff, Glasflaschen, Pappmaché und vielen anderen Materialien angefertigt, die auf fantastisch-schräge, bildhafte Weise, mit witzigen Details gespickt, Berufe und Personen aus dem Buch verkörpern. Deutlicher noch als in der Installation mit den Wunschbändern offenbart sich das Vergehen der Zeit, als thematische Konstante im Werk, in den modifizierten Kippuhren, die zwar funktionieren, wenn man genau hinschaut, aber immer auf 00:00 stehen und die Zeit damit aushebeln. Eine von den zwölf Uhren an verschiedenen Orten ist auch beim Montforthaus in Feldkirch zu sehen.

Zeit und die begrenzte Verfügbarkeit von Wasserressourcen kommen in einer Installation aus von der Decke hängendenEdelstahleimern zum Ausdruck. Das tropfende Wasser wird in jeweils genau darunter platzierten, teilweise mehrmals am Tag zu leerenden Kübeln aufgefangen und erzeugt das Geräusch eines leichten Regens auf einem Blechdach.
Arbeit mit Kindern
Wie sehr der Künstlerin das Arbeiten mit Kindern am Herz liegt, zeigt die 2015 angefangene Werkreihe „Der Name der Angst“. In Workshops notieren Kinder ihre Ängste und zeichnen Umhänge, die sie beschützen. Einige der gezeigten, an Superhelden- oder Faschingskostüme erinnernden Umhänge wurden nach Zeichnungen von Vaduzer Schulkindern in Brasilien geschneidert. Die greifbar aufgehängten Umhänge mit den darauf notierten Ängsten wie Mobbing, Corona, enge Räume usw. dürfen angezogen werden und es gibt einen Spiegel, um davor zu posieren. Zu sehen sind außerdem Filme und zwei Serien kleinformatiger Gemälde auf Holz. Den dramatischen Abschluss bildet aber die animierte, von Sound unterlegte 4-Kanal-Projektion nach Zeichnungen eines siebenjährigen Buben. In „Blinde Kuh“ begegnen einem Monster, Strichmännchen-Armeen, Kanonen und Panzer, Raketen und ein Sternenhimmel. Krieg oder Fantasie, Albträume oder Comic? Verstört steht man beim Hinausgehen vor der Wand mit den Wunschbändern und wünscht sich für einen Moment eine Welt, in der Kinder keine solchen Bilder zeichnen „müssen“, weil sie sie vielleicht täglich sehen. Der Titel der Ausstellung „knife does not cut fire“ ist einem portugiesischen Gedicht entlehnt und erzählt vom Vertrauen der Künstlerin in die Kraft der Poesie. Ariane Grabher
Die Ausstellung ist im Kunstmuseum Liechtenstein, Städtle 32, Vaduz, bis 24. April 2022 geöffnet, Do bis So von 10 bis 17 Uhr, Do von 10 bis 20 U