Die letzten sieben Monate von Anne Frank

Nach dem Tagebuch. Das Schicksal von Anne Frank . . .
Bas von Benda-Beckmann
Secession Verlag
471 Seiten
Ein Buch, dessen Bedeutung nicht genug gewürdigt werden kann.
Essay Dass man nach Auschwitz keine Gedichte mehr schreiben kann/darf, wie der Philosoph Theodor W. Adorno formuliert hat, mag für viele Zeitgenossen eine wenig belastende Vorgabe sein; ob man nach Auschwitz noch leben könne, spitzt die Sache wesentlich zu; selbst wenn man sie auf die Frage herunterdividiert, wie nach Auschwitz noch zu leben sei. Im Jahr 1966 hielt Adorno im hessischen Rundfunk einen Vortrag mit dem Thema „Erziehung nach Auschwitz“. Darin steht der programmatische und nach wie vor gültige Satz: „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Das bedeutet auch, die allererste Forderung an jede Bildung, die mehr zu sein beansprucht als Fachwissen vermittelnde Lehre. Wie himmelweit aktuelle Bildungsbestrebungen davon entfernt sind, liegt auf der Hand. Was daraus entsteht, sollte ernst genommen werden. Nun ist Auschwitz mittlerweile beinahe ebenso sehr zu einer Metapher, einem Sinnbild geworden, wie es ein unleugbarer historischer Tatbestand ist. So ist es enorm hilfreich, sich die ganze Dramatik anhand möglichst personifizierter Anschauung vor Augen zu führen. Hier gibt es wohl kaum ein einprägsameres Schicksal als das der Anne Frank. Bekannt geworden ist sie durch ihr über gut zwei Jahre hinweg im Amsterdamer Hinterhausversteck verfasstes Tagebuch. Am 4. August 1944 wurden die acht jüdischen Untergetauchten – Anne Frank, ihre Schwester Margot und ihre Eltern Edith und Otto, die Familie Auguste, Hermann und Peter van Pels und der Zahnarzt Fritz Pfeffer – von den Nazis entdeckt, verhaftet und nach Auschwitz abtransportiert.
Lediglich Anne Franks Vater hat die Lager überlebt. Für alle anderen endete die unsägliche Qual mit dem Tod, entweder durch elendes Siechtum oder in der Gaskammer. Die Monate zwischen August 1944 und Februar/März 1945 sind der Gegenstand eines Buches, das der niederländische Historiker Benda-Beckmann erarbeitet hat. Minutiös und detailliert hat er das Schicksal der Untergetauchten in den Vernichtungslagern erforscht. Entstanden ist ein Buch von extremer Eindringlichkeit, zu welcher auch die fotografischen Dokumente das Ihre beitragen, ein Buch, dessen Bedeutung gar nicht genug gewürdigt werden kann. Sich dem Schicksal der acht Untergetauchten und ihrer zahllosen Schicksalsgefährten sowie der tagtäglich praktizierten Unmenschlichkeit des Lagerpersonals zu stellen, ist – siehe Adorno – eine der Pflichten, die unsereine/r heute hat. PEN