Brigitte Walk: “Gute Kulturpolitik heißt auch, dass man streitbar ist”

Kultur / 07.11.2021 • 13:00 Uhr
Brigitte Walk: "Gute Kulturpolitik heißt auch, dass man streitbar ist"
Brigitte Walk schätzt besonders ihr treues, motiviertes Publikum. VN/PS

„Wir tragen im Kunst- und Kulturbereich Beachtliches zur geistigen Grundausstattung bei.“

Feldkirch In lockerer Folge beziehen Künstlerinnen, Künstler und Kulturveranstalter Stellung und beantworten Fragen der VN. Brigitte Walk ist Leiterin des Walktanztheaters.

Sie haben mit Ihrem Walktanztheater zahlreiche integrative Projekte realisiert. Die positiven Effekte sind allein schon für die Besucher spürbar. Was motiviert Sie besonders?
Die politische Dimension. Man kann mit Amateuren Themen bearbeiten, die einen Horizont öffnen, den man nur in der Kunst so breit öffnen kann. Man geht gemeinsam auf die Suche nach Wahrheiten. Ich merke, dass das für die Menschen, egal ob jünger oder älter, bestärkend ist. Man traut seinen Wahrnehmungen und traut sich, Dinge zu benennen. Für dieses Nichtzensurierte braucht es einen Raum. Das Utopische befreit die Menschen. Das ist zutiefst politisch und künstlerisch interessant. Dafür eigenen sich zwar nicht alle Stücke und alle Fragestellungen, aber das ist für mich das Interessante.

Projekt "Am Zug" des Walktanztheaters.  <span class="copyright">Mosman</span>
Projekt "Am Zug" des Walktanztheaters. Mosman

In welchen Bereichen der darstellenden Kunst gibt es grundsätzlich noch mehr Handlungsbedarf? Nimmt die Kulturpolitik ihre Aufgabe wahr?
Jetzt sieht man die Defizite besonders. Kunst und Kultur sollten so finanziert werden wie der Bildungs- oder beispielsweise der Gesundheitsbereich. Da würde niemand sagen, du kriegst ein bisschen Geld und jetzt mach einmal etwas. Es ist absurd. Wir haben gezeigt, was wir können und dass wir kontinuierlich arbeiten. Es gibt keine Modelle der sozialen Absicherung. Die Kulturpolitik hat nichts geregelt. Was man gibt, ist zu wenig, somit können wir das Geld nicht so umwandeln, dass wir dabei unsere Stärken ausagieren. Und somit greifen Kunst und Kultur in der Bildung zu wenig. Da gibt es ein Potenzial, das ungenützt bleibt. Es braucht eine klare Finanzierung der Arbeit und nicht nur eine Förderung.

Dass die Pandemie Problematiken zu Vorschein gebracht hat, die trotz ihrer Relevanz nicht im Fokus standen, wird in letzter Zeit immer wieder betont. Welche Problemfelder sind das konkret?
Die soziale Absicherung ist das erste. Die ist nicht gegeben. Es gibt keine Planungssicherheit. Man interviewt Vertreter der Gastronomie und der Industrie. Wo bitte ist die Kultur? Wir sind auch ein Standortfaktor und ein Wirtschaftsfaktor.

Was schätzen Sie in Vorarlberg auf Kunst und Kultur bezogen dennoch besonders?
Die Kontinuität. Wir haben in dem kleinen Bundesland einige Theater von Belang. Wir bekommen Preise, wir werden gefragt. Das motiviert uns zu arbeiten und da zu bleiben. Nur eine Kontinuität im Prekariat ist kein guter Zustand. Was ich noch sehr schätze, ist die Vernetzung untereinander. Ich war gerade im Theater Kosmos, ich schätze das Ensemble Unpop und so weiter. Was ich aber besonders schätze, ist das Publikum. Wir haben ein sehr gut gebildetes, treues und motiviertes Publikum. Wir hatten seit Jahren alle Produktionen immer ausverkauft. Ich mache für Carl Lampert noch etwas in der Kirche. Da kann ich ein paar Leute fragen, magst du bei mir in einem Bewegungschor mitmachen und ich habe welche. Wir haben eine gute Verankerung in der Bevölkerung, obwohl wir kaum akademisches Klientel haben. Die Kontinuitäten im Bildungsbereich, wenn es sie dann wieder gibt, schätze ich auch. Es gibt Schulen, die wissen, dass Theater wichtig ist und die melden sich bei uns. Das Projekt Double Check des Landes ist gut, aber man muss es auch gut ausstatten.

Projekt "Rheindorf" unter freiem Himmel. <span class="copyright">Sarah Mistura</span>
Projekt "Rheindorf" unter freiem Himmel. Sarah Mistura

Was geht Ihnen konkret ab?
Ich verstehe nicht, warum Künstler immer an der kurzen Leine gehalten werden. Wir tragen im Kunst- und Kulturbereich Beachtliches zur geistigen Grundausstattung bei. Warum macht man nicht einmal den großen Wurf und sagt, wir sorgen für die soziale Absicherung und die Finanzierung der Gruppierungen so dass diese auch Leute anstellen können? Es gilt zudem, endlich einmal die im Kulturbereich tätigen Frauen so zu dotieren wie die Männer. Die Zahlen sprechen klar davon, dass Frauen weniger Subventionen erhalten. Das ist absolut nachprüfbar. In dem Moment, in dem wir Geld bekommen, vergolden wir ohnehin alles.

Welches besondere Erlebnis bleibt Ihnen in Bezug auf Begegnungen mit dem Publikum stets in Erinnerung?
Die Produktion zu Hannah Arendt ist sicher nicht leicht zugänglich. Unsere Vorstellungen waren aber immer voll besetzt. Die Leute sind eineinhalb Stunden mit FFP2-Masken dagesessen. Da hat mich sehr gerührt. Das finde ich großartig. Beim Stück, das wir in einem Zug gespielt haben, war das auch so. Die Leute gehen mit. Wenn man etwas im öffentlichen Raum macht, ist das auch immer ausverkauft. Wenn wir Niederschwelliges machen, was nicht heißt, dass es inhaltlich oder ästhetisch low ist, eröffnet sich für viele Menschen ein Diskursraum.

<p class="caption">Projekt zu Hanna Arendt beim Walktanztheater. <span class="copyright">Sarah Mistura<span class="marker"> </span></span><span class="marker"><br></span></p>

Projekt zu Hanna Arendt beim Walktanztheater. Sarah Mistura

An welchen Faktoren machen Sie gute Kulturpolitik fest?
An einer Gesprächsbasis. Aber gute Kulturpolitik heißt auch, dass man streitbar ist. Man muss auch als Kulturpolitikerin oder -beamtin streitbar sein. Ich hätte sie gerne etwas streitbarer, wenn es darum geht, für eine Sache einzustehen.