Die Leute mögen Richard Dünsers Musik

Kultur / 02.11.2021 • 22:00 Uhr
Die Leute mögen Richard Dünsers Musik
Konzert mit österreichischer Erstaufführung von Richard Dünser in Bregenz. JU

Das neue Klavierquartett von Richard Dünser erfuhr im Vorarlberg Museum eine glänzende Erstaufführung.

BREGENZ Es war, als hätte Richard Dünser sein neuestes Werk in einer Art Vorausschau genau für die Stimmung dieser Zeit um Allerheiligen geschrieben: ein musikalisches Tagebuch aus wabernden Nebelschwaden, Regen und vielen „Erinnerungen“. Das war auch der Titel seines Klavierquartetts „Ricordanze“, das bei seiner österreichischen Erstaufführung im Vorarlberg Museum als Veranstalter bei den zahlreichen Zuhörern auf helle Begeisterung stieß. Dieser Erfolg ist nicht zuletzt auf die exzellente Besetzung mit internationalen Musikern aus Dünsers Umfeld zurückzuführen, die sich quasi mit Haut und Haaren in diese anspruchsvolle Aufgabe hineinknieten und dabei ein Maximum an Klangschönheit und Intensität erreichten.

Das Programm mit österreichischen Klavierquartetten aus zweieinhalb Jahrhunderten ist in einer klugen Dramaturgie zielgerichtet auf die Person des 62-jährigen, in Graz lebenden unermüdlichen Bregenzers zugeschnitten. Es beginnt mit einer der wichtigsten Quellen im Kanon des Komponisten, Gustav Mahler, dessen klangliche und kompositorische Einflüsse sich in persönlicher Anpassung immer wieder bei Dünser finden. Mahlers einziges erhaltenes Kammermusikwerk, ein in seiner Studienzeit entstandener einzelner Klavierquartettsatz a-Moll, bereitet ideal den Boden für das Folgende. Da geht es nun um Dünser als Arrangeur, eine Aufgabe, der er seit Jahren neben dem Komponieren mit zunehmender Begeisterung nachkommt. Sein aktuelles großes Opus ist die Reduzierung von Richard Strauss‘ „Elektra“ auf Normalorchestergröße (die VN berichteten). Hier sind es drei bekannte Klavierlieder aus Goethes „Wilhelm Meister“ von Hugo Wolf, denen er in seiner Instrumentierung für Klavierquartett ein neues Gewand verpasst hat. Es genügt Dünser aber nicht, bloß die Melodiestimme einem der drei Streicher zu überantworten. Nein, er verschränkt die Melodie, ohne dass sie ihre Identität verliert, imitatorisch und kontrapunktisch unter den drei Streichern und verändert auch Teile der Klavierbegleitung zu einer intensiven Neudeutung.

Uraufführung von Richard Dünser.
Uraufführung von Richard Dünser.

Dann, im dritten Anlauf, endlich Dünser als Komponist, den sein Lehrer Hans Werner Henze persönlich „einen großen Romantiker“ genannt hat. Bei seinem „Ricordanze“ hatte er auch seine Musiker im Auge: die glänzende koreanische Geigerin Hyeyoon Park, den selbstbewussten deutschen Bratscher Gregor Sigl vom „Artemis“ Quartett, den zupackenden Schweizer Cellisten Patrick Demenga und seinen deutschen Spezialfreund Oliver Triendl, ein höchst virtuoser Pianist, dem er im dritten Satz gleich ein kleines Klavierkonzert für den Bösendorfer gewidmet hat. Zusammen ergeben die vier eine Einheit, die mit größter Behutsamkeit in Dünsers zerbrechlich diffizile Traumwelten und Seelenlandschaften einführt, angereichert mit auch eigenen Zitaten, „von mysteriös bis ganz wild“, so der Komponist in seiner Einführung.

Brillant instrumentiert

Die Wirkung seiner Musik bleibt auch diesmal nicht aus und ist frappant, seit Jahren derselbe Effekt. Die Leute mögen Dünsers Musik, weil sie absolut heutig ist, in jenem eigenständigen Bereich zwischen reiner Tonalität und etwas Moderne angesiedelt, die diese Musik für viele „hörbar“ macht. Die Leute kuscheln sich lustvoll in diese weichen, wohlig warmen Klänge, finden scheinbar Schutz vor den Unwirtlichkeiten dieser Tage. Aber auch abseits solch naturalistischer Vergleiche steht über allem ein gekonntes kompositorisches Handwerk, wie man es von Dünser gewohnt ist, mit brillanter Instrumentierung und ebensolcher Melodienerfindung und –verarbeitung.

Brahms‘ gewichtiges Klavierquartett g-Moll führt nach der Pause zurück in die Welt der reinen Romantik, von den vier Musikern aus dem Vollen geschöpft, bis hin zum grandios feurigen Prestosatz „Rondo alla Zingarese“. Das Publikum ist ohne Vorbehalte hingerissen. Fritz Jurmann