Wo Papageno eine Olma-Bratwurst bekommt

Weiblich aufgezäumte „Zauberflöte“ in St. Gallen
St. Gallen Pamina hat Stress mit ihrer (Über-)Mutter, Sarastro klaut in geheimer Mission eben mal den Sonnenkreis. Als das „Dings“ weg ist, schmiedet die Königin der Nacht ihren Rachefeldzug. Es ist schon eine ganz andere „Zauberflöte“, deren Premiere am Samstagabend in St. Gallen begeistert aufgenommen wurde.
Mozarts Musik kommt unter der Leitung von Katharina Müllner differenziert als buffa und seria aus dem Graben, ein homogenes Sängerensemble, das seine Figuren auch darstellerisch stimmig unterstreicht, und ein gut geführter Chor bringen Mozarts Oper als Hörgenuss auf die Bühne.

Vergnügt blickt man am Anfang auf den Tüllvorhang, auf dem frische Texte wie oben die Figuren vorstellen und weiße Strichzeichnungen den Kampf von Weib gegen Mann unterstreichen. Auf der Bühne finden sich kahle gegenläufige Treppen und ein schräger Laufsteg mit Lichteffekten, die Figuren in üppigen, genüsslich überzeichnenden Kostümen für eine Inszenierung mit Witz und Parodie. Regisseurin Guta Rau stellt die Oper auf den Kopf: Warum soll immer Sarastro der Sieger sein, wo die Oper doch so starke Frauen hat? Und die wissen hier genau, was sie wollen. Warum soll die rebellische Pamina gleich auf Tamino fliegen, warum gleich heiraten: „Ich kenn ihn doch noch nicht einmal.“ Den Tamino hat sich ihre Mutter an den wogenden Busen gezogen, sie äugt genau, wie ihr Auftritt bei ihm ankommt, sie will ihn schließlich in Sarastros Palast einschleusen. Und Papagena? Die schmiedet sich ihren Papageno gleich zurecht. Keine gute Figur macht Sarastro: Aufgeplustert fett schiebt er sich durchs Bild, zieht an seinem goldstrotzenden Kostüm herum, glaubt wohl kaum an seine Götter und seine hehren Grundsätze. Ebenso unheilig wirken die pompösen Priestergestalten, die am Ende ihre wahre Zugehörigkeit verraten: Der Königin der Nacht und ihren Damen gehört der Sieg, weg mit der männlichen Dominanz! Dazu die Regisseurin: „Ich hatte das Gefühl, diese Ordnung – die klar zugeordneten Gegensätze Mann-Frau, Tag-Nacht, Macht-Ohnmacht – einmal durchschütteln zu müssen und die Tatsache, dass Sarastro das Spiel in fast jeder Umsetzung gewinnt, einmal durchbrechen zu müssen …“ Eine Möglichkeit, gewiss, aber von den hinter der Oper stehenden Grundsätzen bleibt dabei nichts übrig.
Christel Voith
