Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Offene alte Rechnungen

Kultur / 22.10.2021 • 18:11 Uhr

Ein alter Streit ist neu entflammt. Die griechische Kulturministerin Lina Mendoni hat wieder einmal vom British Museum in London die Rückgabe der Parthenon-Friesteile gefordert. Es sind jene Teile des großen Tempels auf der Athener Akropolis, die ab dem Jahre 1802 bis 1812 von Lord Elgin, dem britischen Botschafter im Osmanischem Reich (Griechenland stand damals unter türkischer Besatzung), von Athen nach London gebracht wurden. Lord Elgin hat die bedeutenden Stücke aus dem Tempel (es handelt sich um viele Metopen – Relieftafeln aus Marmor –, Stücke vom Ost- und Westgiebel des Parthenon und auch eine Kore, eine Säule als Mädchenfigur, von einem anderen Tempel auf der Akropolis.

Lord Elgin hat diese unbezahlbaren Figuren, die zum nationalen griechischen Erbe gehören, nicht gestohlen, er hat sie vom türkischen Sultan, der natürlich keine Beziehung zu diesen Kunstwerken hatte, gekauft. Schließlich hat er sie 1816 an das British Museum verkauft, wo sie zu den wertvollsten Ausstellungsstücken wurden. Und seit damals, als fast schon 200 Jahre, fordert Griechenland eine Rückgabe. Nicht ganz zu Unrecht, denn die wunderbaren Skulpturen gehören nicht nach England, sondern dorthin, wo sie nahezu 2000 Jahre gestanden sind, nach Athen. Inzwischen gibt es dort ja das neue, großartige Akropolismuseum, in dem Platz für die „Elgin Marbles“ vorgesehen ist. Lina Mendoni bringt – neben der kulturhistorischen – auch eine rationale Begründung: Nach einem Bericht des britischen Magazins „The Art Newspaper“ tropft Regenwasser aus dem Dach des Museums in die Räume, in denen auch die „Elgin-Marbles“ ausgestellt sind. Trotzdem zeigen sich die britischen Behörden unzugänglich, sie wollen diese wertvollen Schätze nicht herausgeben.

Bevor wir aber mit dem Finger auf die Briten zeigen und sie der Unkultur bezichtigen, sollten wir doch auch an unsere eigene Brust pochen. Denn die Museen der ganzen Welt sind voll von kulturellem Raubgut, militärische Eroberer haben zu allen Zeiten auch kulturelle Schätze aus dem besetzten Land in eigene Museen gebracht, man könnte auch sagen gestohlen. Das gilt auch für Österreich. Denn die im Wiener Weltmuseum gezeigte „Federkrone Montezumas“, die für eine Ausstellung in ihrem Ursprungsland Mexico gezeigt werden sollte, wurde heuer nicht einmal ausgeliehen. Aus konservatorischen Gründen, wie es heißt. Und all die Forderungen Mexicos nach Rückgabe blieben ohnehin ungehört. Dafür haben alle Besucher aus Mexico im Weltmuseum Wien freien Eintritt. Ein billiger „Tausch“ gegen ein Kulturgut, das einem ganzen Volk, nicht einem ausländischen Museum gehören sollte.

„Trotzdem zeigen sich die britischen Behörden unzugänglich, sie wollen diese wertvollen Schätze nicht herausgeben.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.