Von furchtbarer Förderpraxis und Besitzverhältnissen in Österreich

“Menschen brauchen ökonomische Unabhängigkeit und eine Umgebung, die nicht dumpfen Konsum als den ultimativen Glücksweg hinstellt.”
Feldkirch In lockerer Folge beziehen Künstlerinnen, Künstler, Kulturveranstalter und -vermittler Stellung und beantworten Fragen der VN. Die folgenden Fragen wurden Sabine Benzer, Geschäftsführerin des Theaters am Saumarkt in Feldkirch, gestellt.
Sie haben ein Buch über Verteilungsgerechtigkeit in Kunst und Kultur verfasst. Welcher Teil des Weges liegt grundsätzlich noch vor uns, um sie zu gewährleisten?
Da liegt noch viel vor uns. Es gibt etwa eine sehr harsche Einschätzung des Professors für Kulturbetriebslehre an der Musikuni in Wien, Tasos Zembylas. Er verweist auf die sehr ungleichen Besitzverhältnisse in Österreich. 50 Prozent der Bevölkerung besitzen nur zwei Prozent des Gesamtkapitals. Er hält fest: „Wenn man diesen Menschen einen Zugang zur Kultur schaffen will, muss man ihnen mehr Freizeit, mehr ökonomische Unabhängigkeit ermöglichen und gewiss auch eine Umgebung, die nicht dumpfen Konsum als den ultimativen Glücksweg hinstellt.“
Wie sieht es diesbezüglich konkret in der Region aus?
Es gibt viel Engagement und Kreativität, Kulturangebote an die Menschen zu bringen. Aber selbstverständlich stößt selbst niederschwellige Kulturarbeit an Grenzen. Kulturvermittlung mit Projekten, die Kulturschaffende mit Lehrenden und Schülern, Lehrlingen, Kindern in der Frühpädagogik zusammenbringen und sie gemeinsam an kreativen Prozessen arbeiten lässt, sind sicherlich auch ein Beitrag und ein wirkungsvolles Instrument gegen diese Ausschlüsse.
Dass die Pandemie Problemfelder zum Vorschein gebracht hat, die trotz ihrer Relevanz nicht im Fokus standen, wird in letzter Zeit immer wieder betont. Welche sind das?
Ganz sicher steht da an erster Stelle die prekäre Situation vieler Kulturschaffender, die auch in normalen Zeiten oft kaum über die Runden kommen und nun über längere Zeit kein Einkommen hatten. Die Kulturinitiativen haben die wichtige Aufgabe, den Kulturschaffenden der Region regelmäßig Auftritte zu ermöglichen und sie angemessen zu bezahlen. Aber auch die Fördergeber müssten entsprechend dem vom Kulturrat Österreich verfassten Fair-Pay-Reader agieren. Es ist leider eine furchtbare Praxis, dass bei Förderansuchen nur ein Teil der beantragten Kosten bewilligt wird und die Einreicherinnen dadurch oft um ihr Honorar umfallen.
Was schätzen Sie in Vorarlberg auf Kunst und Kultur bezogen besonders?
Tatsächlich schätze ich das Kulturschaffen im Land sehr und freue mich immer, wenn sich die Gelegenheit ergibt, auch außerhalb des Saumarktprogramms Theateraufführungen, Konzerte, Ausstellungen zu besuchen. Vor ein paar Tagen hat der Künstler tOmi Scheiderbauer die Schülerinnen meines Wahlpflichtfachs Kulturvermittlung am Gymnasium Schillerstraße und mich in seine „Ausstellung“ im Bregenzer Magazin 4 eingeladen. Er hat dort einen „Kreissaal“ aufgebaut, in dem in einem nichthierarchischen Miteinander gemeinsam „Ideen“ geboren werden. Wir waren sehr begeistert davon.
Was geht Ihnen ab?
Ich fände es schön, gerade für die jüngere Generation, wenn es mehr Experimentierfelder gäbe bzw. eine Art bedingungsloses Impulskapital: Orte ebenso wie finanzielle Unterstützung dafür. Der stark von öffentlicher finanzieller Unterstützung abhängige Kulturbereich ist oft so in dieser Förderlogik verhaftet, dass beide Seiten, Kulturschaffende wie Fördergeberinnen, sich nicht mehr erlauben, über diesen Tellerrand zu blicken.
Welches besondere Erlebnis bleibt Ihnen in Bezug auf Begegnungen mit dem Publikum stets in Erinnerung?
Das waren so viele Begegnungen, die erfreulich, bestätigend, motivierend waren, es gab aber auch kritisches Feedback, oft sehr konstruktiv, dass uns in unserer Arbeit weitergebracht hat.
An welchen Faktoren machen Sie gute Kulturpolitik fest?
In erster Linie an der Dialogbereitschaft: Welches Interesse hat die Kulturpolitik, Anliegen, Ideen, Kritik von Kulturtätigen aufzugreifen, sich damit auseinanderzusetzen, mit der Absicht ernsthaft an einer gemeinsamen Umsetzung zu arbeiten? Wir hoffen alle, dass die aktuell intensiv geführte Fair- Pay-Debatte zu Ergebnissen führt. Kulturpolitik ist auch daran zu messen, ob sie die Maßstäbe für Qualität im Kulturbereich, die Förderungen zugrunde gelegt werden, nicht einseitig, sondern mit den Kulturtätigen gemeinsam festlegt.