Witz und Wahrhaftigkeit

In “All you can be! Eurydike und Orpheus” wird beides begeisternd zusammengeführt.
Bregenz Das war ein Applaus, nach dem man noch ein wenig beschwingter in die Sturmnacht hinausging. Am Freitagabend hat sich am Vorarlberger Landestheater bestätigt, dass die Geschichte von Orpheus und Eurydike zu den schönsten (und zugleich traurigsten) der Weltliteratur zählt, dass die Kraft der Kunst im Allgemeinen sowie die Kraft der Musik im Besonderen zur Wirkung gelangen kann und dass sich ein heterogenes Publikum wie das einer Landesbühne nicht nur auf die Sekunde von der Magie des Puppenspiels bezaubern lässt, sondern auch als höchst empfänglich für noch so subtilen Witz erweist. „All you can be! Eurydike und Orpheus“ ist eine Produktion, die in Kooperation mit dem TOBS Theater in Biel Solothurn entstand und nun erstmals über der Grenze gezeigt wurde.
In den Vorarlberger Spielplan fügt sie sich bestens, wurde die Saison in Bregenz doch mit „König Ödipus“ von Sophokles gestartet und die Antike somit noch nicht so schnell verlassen. Bevor im Jänner dann „Herkules und der Stall des Augias“ von Friedrich Dürrenmatt folgt, geht es um Liebe und Tod und ein Sujet, das Komponisten wie Gluck zu einer wunderbaren Oper inspirierte, jede Menge bildende Künstler beschäftigte und das sich auch in der modernen Literatur immer wieder findet.
Wahrhaftigkeit
Clara Gil, Aaron Hitz und Max Merker vom erwähnten Schweizer Theater haben den Stücken noch ein weiteres, ein spezielles hinzugefügt. „All you can be! Eurydike und Orpheus“ wurde gemeinsam konzipiert und berücksichtigt Text, Spiel, Musik und Puppenspiel in etwa im selben Maß. Was mit Schauspielern, die Marionetten mimen, beginnt, entpuppt sich auf einer Ebene als ungemein heiteres Geplänkel über das Maß an Wahrhaftigkeit der Darstellung einer Person, die Menschen aus Fleisch und Blut oder eben Puppen erreichen können. Bei allem Vergnügen verzahnt sich diese Auseinandersetzung, die durch das Hängen an den Fäden für skurrile Momente sorgt, sehr rasch mit dem tiefen Ernst der Beschäftigung mit dem, was das wohl ist, das uns auf der anderen Seite der Wand widerfährt.
Spaß, Philosophie, Poesie
Der Plot ist hinlänglich bekannt. Eurydike stirbt nach einem Schlangenbiss (dass sie unvorsichtig war, weil sie einer Vergewaltigung entkommen wollte, wird meistens weggelassen), ihr Mann Orpheus ist verzweifelt und versucht den Gott der Unterwelt mit Gesang, also mit Kunst, dazu zu bewegen, ihm die junge Frau wieder zurückzugeben. Es funktioniert, auch wenn es bekanntermaßen kein Happy End in unserem Sinne gibt. Clara Gil, die die Eurydike-Puppe geschaffen hat, aber auch mitspielt, sowie Aaron Hitz und Max Merker sind erstens Komiker oder Clowns höchster Güte, drehen auf, dass es eine wahre Freude ist und schaffen ruckzuck poetische Momente, die weit entfernt sind von allem Bemühen um berührende Bilder. Sie sind einfach da, formen sich, weil die Künstler mit hoher Professionalität agieren, Körpertheater bieten wie geschulte Tänzer und sich artikulieren wie die besten Rezitatoren. Dazu kommen die hohen gesanglichen Qualitäten von Aaron Hitz, der ein breites Repertoire intus hat.
Im Kern bleibt bei allem Spaß aber immer ein hoch philosophisches Thema im Raum. Es ist mit Worten kaum zu erklären, man muss es gesehen haben. Wie gesagt, in dieser Produktion sind Text, Musik, Schauspiel und Puppenspiel sowie Witz und Ernst, Freude und Trauer fest miteinander verkettet und perfekt eingesetzt.
Weitere Aufführungen von “All you can be! Eurydike und Orpheus” vom 9. bis 20. Oktober um 19.30 sowie 16 Uhr am Bregenzer Kornmarkt: www.landestheater.org