Bildstarkes Epochenporträt

Kultur / 06.10.2021 • 17:44 Uhr
Ruzowitzky gelingt ein optisches Spektakel in der Tradition des deutschen Expressionismus, das düstere Porträt einer Umbruchszeit.2021 SquareOne Entertainment
Ruzowitzky gelingt ein optisches Spektakel in der Tradition des deutschen Expressionismus, das düstere Porträt einer Umbruchszeit.2021 SquareOne Entertainment

Stefan Ruzowitzky eröffnet den Kinoherbst mit schwerer Kost.

Krimidrama Stefan Ruzowitzkys neoexpressionistischer Thriller „Hinterland“ zeigt Murathan Muslu als gebrochenen Kriegsheimkehrer nach dem Ersten Weltkrieg, der sich einem Serienmörder gegenübersieht. Dem österreichischen Regisseur gelingt ein optisches Spektakel in der Tradition des deutschen Expressionismus, das düstere Porträt einer Umbruchszeit. Im Zentrum steht der einstige Kriminalbeamte Peter Perg (Muslu), dessen Welt in den Nachwellen der Kriegsdetonationen zerborsten ist. Oder besser gesagt: Es gibt sie schlicht nicht mehr. Als der einstige Kriminalbeamte zwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Wien zurückkehrt, ist die Monarchie perdu, das Reich ebenso und auch die alte Ordnung der Gesellschaft. Es ist eine derangierte Welt, in die Perg geworfen wird – und Ruzowitzky zeigt sie mit seinem Kameramann Benedict Neuenfels als eben solche. In Hommage an expressionistische Klassiker wie Robert Wienes „Cabinet des Dr. Caligari“ erschaffen sie ein Wien, in dem die Perspektiven verschoben sind, die Gebäude sich antinaturalistisch aufeinandertürmen. Anders als in den Vorbildwerken aus den 20ern sind die Hintergründe nicht mittels realer Bühnenbilder erzeugt, sondern gänzlich digital.

Verschobene Wahrnehmung

„Der Kulturschock war nach dem Ersten Weltkrieg offensichtlich viel größer als nach dem Zweiten Weltkrieg“, hatte Ruzowitzky im APA-Interview räsoniert: „Das ist eigentlich die viel interessantere Zeit.“ Diesem Impetus entsprechend ist sein „Hinterland“ ein bildstarkes Epochenporträt geworden, ein symbolistisches Werk aus der Frühphase der Zwischenkriegszeit, in der die Nachwirkungen des Zusammenbruchs die Hoffnungsmomente des Aufbruchs noch überwogen. Und zugleich belässt es der erfahrene Publikumsregisseur nicht bei diesem historischen Panoptikum, sondern webt eine etwas konventionelle Thrillerhandlung in diese verschobene Wahrnehmung ein.

Alte Ermittlungsinstinkte

So geschieht alsbald ein Mord an Pergs einstigem Kameraden Krainer (Timo Wagner), wodurch der Kriegsheimkehrer kurzzeitig sogar zum Verdächtigen mutiert. So erwachen in dem am Boden liegenden Mann die alten Ermittlerinstinkte. Schnell wird klar, dass der Mord an Krainer nur der Auftakt zu einer ganzen Serie an Ritualmorden ist, die auf mysteriöse Weise miteinander zusammenhängen.

Hinterland

Regie Stefan Ruzowitzky

Darsteller Murathan Muslu, Liv Lisa Fries, Maximilian von der Groeben, Marc Limpach, Margarethe Tiesel, Matthias Schweighöfer

Start 8. Oktober, Bühnengespräch mit Hanno Pinter und anschließende Filmvorführung: 9.10., 20 Uhr, Metrokino Bregenz