Wir brauchen dieses Theater
Wenn man derzeit im Museumscafé am Bregenzer Kornmarkt sitzt, so fällt einem eine Schrift auf der gegenüber liegenden Wand des Vorarlberger Landestheaters auf: „Wir reden über Kunst, das sieht man doch.“ Eine Anspielung auf ein Stück, das im November auf die Bühne des Theaters kommen wird, eine Uraufführung nach Gerhard Meister über den genialen Maler Sigmar Polke, der in diesem Jahr achtzig geworden wäre. Allein das zeigt, was das Landestheater seit einigen Spielzeiten – konkret: seit der Intendanz von Stephanie Gräve – will: Aktuell sein, kritisch sein, politisch sein. Und das geht übrigens nicht nur mit zeitgemäßer Literatur, das geht auch und nicht zuletzt mit alten, geradezu antiken Stücken, beispielsweise mit Sophokles‘ „König Ödipus“ als Eröffnungsstück vor zwei Wochen. Aber auch die neuere Zeit finden wir im Spielplan, Georg Büchner oder Friedrich Dürrenmatt etwa, den Vorarlberger Martin Gruber und das früh verstorbene steirische „Genie, Monster und Ekel“ (Zitat aus „Die Zeit“) Werner Schwab. Ebenso Erich Kästner mit seinem „Pünktchen und Anton“ oder eine Regiearbeit mit Christoph Marthaler.
Was ich meine: Das Landestheater tut wirklich, was es ankündigt: Es redet in seinen Stücken über Kunst, damit über das Leben, somit natürlich auch über Politik. Und es ist wirklich eine Freude, dieser neuen Entwicklung zuzusehen. Wie großartig dieses kleine (und man muss deutlich sagen: völlig unterdotierte) Theater beispielsweise durch die Coronakrise ging, wie sehr es sich danach wieder einem – wenn auch sehr eingeschränkten – Publikum nahezu im Wochentakt mit immer neuen Premieren präsentierte, das erfordert hohen Respekt. Engagierte Stückauswahl mag nicht immer altgewohnten Theaterbesuchern entsprechen, da mögen einige frühere Abonnentinnen abgesprungen sein – das ist dann nicht tragisch, wenn es gelingt, junge Menschen neu ans Theater zu binden.
Das Landestheater bietet wunderbare Bühnenerlebnisse trotz eher hinderlicher Umstände und Vorgaben. Das könnte in nächster Zeit noch schlimmer werden, denn es stehen dringend notwendige Renovierungsarbeiten an. 2023/24 soll dem entsprochen werden – sofern das Land ausreichend Budget dafür bereitstellt. Die Stadt Bregenz hat ja auch schon leise Unterstützung zugesagt. Aber: Das darf hoffentlich nicht heißen, dass eine Spielzeit kein Theater geboten wird. Da hoffen wir sehr auf die Ideen von Intendantin Stephanie Gräve, mit dem Theater auch aus der üblichen Spielstätte hinauszugehen, neue Plätze zu erobern. Kein Theater über ein ganzes Jahr – das ginge nämlich gar nicht. Denn wir brauchen dieses Theater.
„Da mögen einige frühere Abonnentinnen abgesprungen sein – das ist dann nicht tragisch, wenn es gelingt, junge Menschen neu ans Theater zu binden.“
Walter Fink
walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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