Hubert Dragaschnig: „Geht‘s den Kulturschaffenden gut, geht’s der Wirtschaft gut“

„Kunst und Kultur sollten ein wesentlicher und selbstverständlicher Teil jeder Ausbildung sein.“
Bregenz In lockerer Folge beziehen Künstlerinnen, Künstler und Kulturveranstalter Stellung und beantworten Fragen der VN.
Was ein gutes Leben sei, haben Sie bzw. hat das Theater Kosmos zuletzt gefragt. Wie lautet Ihre Antwort?
Angesichts des soeben stattgefunden habenden Philosophicums in Lech: Ein Leben in Freiheit führen zu können – Freiheit im Kant’schen Sinne. Jene „praktische Freiheit“, die Vernunft, Verantwortungsbewusstsein und Solidarität impliziert und freies Handeln ermöglicht. Jene Freiheit, die uns erlaubt, das tun zu dürfen, was einen erfüllt, ohne jemand anderen damit zu gefährden.
Dass die Pandemie Problematiken zum Vorschein gebracht hat, die trotz ihrer Relevanz nicht im Fokus standen, wird in letzter Zeit immer wieder betont. Welche Problemfelder sind das konkret?
Zum Beispiel die prekäre Situation der freischaffenden Künstler, Musiker oder Schauspieler im Kulturbetrieb, die keinerlei Absicherung haben, wenn Aufträge oder Engagements wegfallen. Oder die Situation aller „Free-Lancer“, die als Bühnentechniker oder Lichttechniker ohne jedes Einkommen sind, wenn keine Theaterveranstaltungen, Festspiele, Konzerte oder auch Messen stattfinden dürfen.
Ist die Möglichkeit zur Teilhabe am kulturellen Leben für Sie in der Region gewährleistet?
Für den größten Teil der Bewohner unserer Region ist der Zugang zum kulturellen Leben gewährleistet. Aber es gibt auch Menschen, für die das viel schwieriger ist. In der Zusammenarbeit mit Motif zum Beispiel versuchen wir, Menschen mit migrantischem Hintergrund ins Theater zu locken oder wir nehmen auch fremdsprachige Aufführungen ins Programm, um sprachliche Barrieren zu überwinden. Durch die Solidaraktion „Hunger auf Kunst und Kultur“, die das Theater Kosmos in Vorarlberg initiiert hat, können auch Menschen, die in finanziell prekären Situationen leben, am kulturellen Angebot der Region teilhaben.
Was schätzen Sie hier besonders?
Dass, obwohl wir in keiner Großstadt leben, das kulturelle Angebot im Land äußerst vielfältig und auf hohem künstlerischen Niveau ist. Das zeugt auch von der großen Kreativität und Professionalität der hiesigen Künstlerinnen und Künstler und davon, dass Dinge auch nebeneinander existieren können.
Was geht Ihnen ab?
Eine Universität mit breitem Bildungsangebot geht uns ab. Der gesellschaftliche und kulturelle Diskurs würde durch Studierende und Lehrende vertieft und erweitert. Die Entwicklung einer offenen und diversen Region würde beflügelt. Etwas pathetisch gesagt: der Austausch mit der Welt könnte ein anderes Niveau erreichen. Theater, Kunst, Kultur sollten ein wesentlicher und selbstverständlicher Teil jeder Ausbildung sein. Sei es in der Schule, in Lehrberufen oder Erwachsenenbildung. Das gehört zu einem guten Leben.
Welche Bemerkung bei der Begegnung mit Theaterbesuchern blieb Ihnen in Erinnerung?
Nach einer Vorstellung ist ein junger Mann im Foyer stehen geblieben und hat mit scheuem Interesse die Schauspieler beobachtet. Auf unsere Frage, wie es ihm denn gefallen habe, meinte er: „Theater fährt ja besser wie Computer und so!“ Hoffentlich hat er es seinen Freunden weiter erzählt. Und vor ein paar Monaten sagte eine Besucherin: „Schön, dass wir wieder hier sein können!“ In solchen Momenten weiß man, wie wichtig die künstlerische Arbeit ist.
An welchen Faktoren machen Sie gute Kulturpolitik fest?
Daran, dass kreative Menschen gerne in einem Land leben und arbeiten. Dass es Rahmenbedingungen gibt, die es Künstlerinnen und Künstlern erlauben, sich auszuprobieren. Daran, dass neue Initiativen entstehen und bestehen bleiben können. Daran, dass die Kulturszene vielfältig ist und bleibt und jede Kulturinitiative ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fair entlohnen kann. Geht‘s den Kulturschaffenden gut, geht’s der Wirtschaft gut!